Essen in der Zeitmaschine.

Wenn ich mal Pause brauche von der modernen Welt voller digitaler Boheme, Gangnam Style und allgegenwärtigen Smartphones, dann gehe ich zu Karstadt. Genauer gesagt, ich besuche den „Erfrischungsraum“ bei Karstadt. Der nennt sich seit kurzem „Restaurant & Café“, ist aber natürlich weder ein Restaurant noch ein Café, sondern immer noch derselbe Erfrischungsraum wie vor der Jahrtausendwende, vor der Wiedervereinigung, vielleicht auch vor der Erfindung der Eisenbahn, wer weiß das schon.

Ja, ich mag Dinge, die sich nicht ändern. In einer Welt, die komplett durcheventisiert ist und wo ununterbrochen alles neu erfunden wird, braucht der Mensch eine Art Heimat. Damit meine ich einen Ort, an dem alles bleibt wie es schon immer war. Manche Menschen lesen aus diesem Grund „Neues Deutschland“, ich bevorzuge den Erfrischungsraum einer verschlafenen Karstadt-Filiale. Die Speiseauswahl an der Kantinen-Theke ist streng deutsch, es gibt Kohlrouladen, Jägerschnitzel, Nudeln und Currywurst. Selbst die Asiapfanne ist ein rein deutsches Gericht.

Beonders beliebt ist das Beilagenbuffet mit Bratkartoffeln, Brokkoli, Auflauf und allerlei Undefinierbarem, das nicht sehr frisch aussieht. Ich frage mich, ob es eigentlich Altersheime für Lebensmittel gibt, das Buffet könnte gut eines sein.

Die Dame an der Kasse sieht extrem alleinerziehend aus und wünscht mir nach dem Bezahlvorgang derart verzweifelt „einen schönen Tach noch“, dass ich mich unwillkürlich an einen Obdachlosenzeitungsverkäufer erinnert fühle. So gern ich hier bin, so ungern möchte ich im Erfrischungsraum arbeiten. Ich brauche die Gewissheit, jederzeit fliehen zu können.

Der Gastraum hat die Atmosphäre einer Betriebskantine der frühen Siebziger konserviert, man will sofort Schlagermove feiern. Die Menschen, die hier ihre Kohlroulade genießen, sind meist älter und vergleichsweise preiswert gekleidet. Vor allem wollen sie nichts darstellen, und das finde ich so erfrischend. Wer hier isst, will nicht sehen und gesehen werden. Hier wird das Essen nicht fotografiert und getwittert, hier checkt keiner bei 4square ein, die Smartphonedichte leigt bei gefühlten null Prozent. Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein.

Die Currywurst vor mir auf dem Teller ist nicht vom Weideschwein, sie ist nicht ungebrüht und naturdarmbelassen. Kein Fernsehkoch hat sie abgeschmeckt. Dafür gab es sie schon, als Tim Mälzer noch im Kindergarten seinen Teller nicht leer gegessen hat. Mir schmeckt diese Wurst nicht mal so schlecht, vielleicht hat das mit meinen Erinnerungen zu tun.

Könnten wir nicht eine Initiative starten, dass der ganzen Erfrischungsraum komplett zu Manufaktum übersiedelt?

Kleiner Tipp für Erfrischungsraum-Entdecker: Suchen Sie sich ein Kaufhaus weitab vom Schuss. Berlin Tempelhof etwa, Hamburg-Harburg oder Goslar sind sehr gut geeignet. Die beste Zeit ist so um 16 Uhr, wenn Sie unverfälschteTristesse erleben wollen. Viel Spaß!

16. April 2013

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