Apple Country

Manchmal muss man den Schreibtisch verlassen und dafür sorgen, dass wieder frische Luft an die grauen Zellen kommt – deshalb war ich neulich in Jork. Mit Öffentlichen kommt man dahin, wenn man von Hamburg aus die S-Bahn nach Neugraben nimmt und dort in einen Bus steigt, der aber nur alle zwei Stunden fährt. Es ist eine richtige kleine Reise, die nur eine gute Stunde dauert. Doch mit etwas Phantasie kommen Urlaubsgefühle auf. Der Bus fährt durch Apfelplantagen an stolzen Bauernhäusern vorbei, alle aus Fachwerk, und die Balken müssen weiß gestrichen sein. In manchen Höfen wohnen Prominente oder einfach reiche Leute. Andere sind als Erlebnisbauernhöfe rund um das Thema Äpfel konzipiert. Da gibt es außer Äpfeln noch Apfelkuchen, Apfelsaft, Cidre, Apfelkompott, Apfelgelee, Apfelwein, Apfelbrand, Apfelfeste und was einem sonst noch so einfallen mag.

Jork ist nämlich so etwas wie das Cupertino von Norddeutschland, der Ort, den jeder mit Äpfeln verbindet. Es liegt im Alten Land, einem der wichtigsten Obstanbaugebiete hier in der Gegend und überhaupt, glaube ich zumindest. Obst hat die Jorker wohl seit Jahrhunderten ganz gut ernährt, hier sieht alles proper und wohlhabend aus. Jeder, der auf sich hält, hat ein schmuckes Fachwerkhaus aus Klinkern mit weißen Balken, der Anwalt, der Buchladen, das Hotel und auch der örtliche Supermarkt. Leider hat ausgerechnet die Sparkasse kein Fachwerkhaus abbekommen und muss in einer Art Parkhaus residieren. Dafür steht dieses hässliche Gebäude dort, wo Gotthold Ephraim Lessing getraut wurde, bevor es dort die Sparkasse gab.

Wenn man durch Jork bummelt, vergisst man nie, dass hier das Glück auf Äpfel gebaut ist. Man spürt geradezu, wie die Marketingberater den Ratsmitgliedern empfohlen haben, sich auf eine Kernbotschaft zu konzentrieren. Äpfel, das ist es! In der Tourist-Infomation kann man sogar in großen Äpfeln sitzen und warten, bis man dran ist. Im örtlichen Supermarkt – dem mit dem weißen Fachwerk – liegen zwar jede Menge frische Äpfel in der Auslage, doch die kommen heute aus Neuseeland, Südafrika und Südtirol.

29. August 2013

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