Zebra

Zebra quer

Letzten Mittwoch habe ich beschlossen, im Elektronikmarkt meines Vertrauens ein Gerät zu erstehen, das mein Leben endlich zum Positiven wendet. Aber welche Marke, welche Ausstattung und überhaupt? Ich habe mich vom Experten beraten lassen.

Gemeinsam haben wir verschiedene Websites aufgerufen, technische Daten verglichen, mehr oder weniger wohlwollende Userprosa gelesen und Mikrofonbuchsen in den Abbildungen gesucht. Schließlich haben wir ein Gerät gefunden, das viele Extras und so gut wie keine Nachteile hat.

Ich habe mir die Typenbezeichnung notiert, und war schon auf dem Weg zur Tür, da rief mir der Experte hinterher: „Mit dem haste aber kein Zebra!“ Reflexhaft antwortete ich: „Ich brauch‘ kein Zebra!“

War das jetzt voreilig oder nicht? Brauche ich wirklich kein Zebra? Meine spontane Äußerung hat sicher viel mit meiner familiären Prägung zu tun. Ich stamme aus einer bürgerlichen Familie im großstädtischen Umfeld. Meine Eltern hatten nie ein Zebra, meine Großeltern väterlicherseits auch nicht. Meine Großeltern mütterlicherseits haben im Krieg alles verloren, ob auch ein Zebra zu diesem „alles“ gehörte, weiß ich nicht. Die Frage zu stellen ist inzwischen unmöglich, sie weilen nicht mehr unter uns, sondern unter der Erde. Ich vermute aber, sie hatten auch kein Zebra, sie hätten es sonst sicher erwähnt. Beim Begräbnis von Onkel Erich zum Beispiel hätten sie geseufzt: „Wir haben ja auch alles in Posen zurücklassen müssen, das Haus, die Bettwäsche, das Grundstück, die Fabrik, das gute Service aus Meißen, das Tafelsilber und vor allem das Zebra. Unsere Kleine hat so an dem Tier gehangen.“

Was meine verschiedenen Urgroßeltern angeht, von denen weiß ich nicht viel. Als anständige Bauern und Handwerker hatten sie wohl ihr ganzes Leben fleißig gearbeitet, außer Sonntags, da waren sie in der Kirche. Ich vermute, für die Anschaffung eines Zebras hatten sie weder die Zeit noch die Mittel, erst recht nicht die Phantasie. Die Geschichtsforschung geht ja auch davon aus, dass Zebras im 19. Jahrhundert in der Mitte Europas eher die Ausnahme waren.

So ist es leicht einzusehen, dass ich glaubte, kein Zebra zu brauchen. Inzwischen, ein paar Tage später, bin ich mir da nicht so sicher. Ein paar unbestreitbare Vorteile dieses Streifentiers liegen auf der Hand. Ich könnte mich von meinen Nachbarn abheben. Im Haus sind Hunde sehr beliebt, die Frau unten links hat einen Vogel, der aufgeregt im Käfig herum springt, wenn Besuch kommt. Ein Zebra wäre da eine Abwechslung.

Außerdem: Mit einem Zebra bist Du der King der ganzen Straße, das eignet sich dafür besser als eine Bulldogge, von denen es hier einige gibt. Kinder fragen Dich, ob sie das Zebra mal streicheln dürfen. Wenn Dir mal eine Frau entgegen kommt, die auch ein Zebra an der Leine hat, ergibt sich sich ein Kennenlernen wie von selbst. Im Bus sorgst Du dafür, dass die Kinderwagen mit den jaulenden Monstern draußen bleiben, weil das Tier den ganzen Platz einnimmt.

Sehr gut funktionieren die gestreiften Biester bei Blinddates: „Machen Sie sich keine Sorgen, Gnädigste, sie erkennen mich ganz einfach. Ich habe mein Zebra dabei.“ Mit einem solchen Accessoire ist man beliebt und wird oft auf Partys eingeladen. Dort geht einem nie der Gesprächsstoff aus. Es kann allerdings auf die Dauer ein bisschen eintönig sein, immer die Frage zu beantworten, wie es sich anfühlt, ein Zebra zu besitzen.

Ja, inzwischen tut es mir ein bisschen Leid, dass ich mich gegen das Zebra entschieden habe. Aber warum sie es manchen Geräten beilegen und manchen nicht, habe ich noch nicht so ganz begriffen.

06. Oktober 2014