Ich war in Groningen.

Holland

Groningen liegt in Holland. Wenn man nach Groningen fahren will, wird einem das nicht gerade leicht gemacht. Man nimmt den Regionalzug nach Leer. Der Zug fährt entweder pünktlich ab und bleibt dann auf der Strecke stehen, oder er bleibt im Bahnhof stehen oder er kommt gar nicht. Es ist sehr spannend, weil man in Leer nur zehn Minuten Zeit zum Umsteigen hat. Ich will jetzt nicht über die Deutsche Bahn schreiben, obwohl ich das könnte. Lieber berichte ich über das, was danach kommt.

Der Bus, der ab Leer fährt, ist ein holländischer Bus. Das erste, was allen deutschen Fahrgästen auffällt, ist, dass die holländischen Fahrer unsere Fahrscheine nicht sehen wollen. Eine Fahrerin sagt, um Fahrscheine zu sehen, bräuchte sie eine Brille, und die liegt zu Hause. Wir Fahrgäste sind entsetzt. Kann man einer Busfahrerin sein Leben anvertrauen, die sich nicht für die Fahrscheinkontrolle interessiert? Zum Glück stellt sich die Frage nicht, die Tür geht zu, der Bus fährt los. An der Gegend um Leer fällt besonders der absolute Mangel an Gebirgen auf. Wahrscheinlich hat die Stadt daher ihren Namen, der ein bisschen nach einem mittellustigen Witz klingt. Es gibt auch keine Wälder und kaum Sträucher, aber Deiche. Und Windräder.

Die Grenze zu Holland ist nicht mehr da. Es gibt nur ein Schild „Niedersachsen wünscht alles Gute“. Das war’s dann aber auch schon. Groningen ist ein kleiner Ballungsraum mit vielen kleinen Firmengebäuden neben der Autobahn. Sie haben da auch viele Autobahnen und ein paar Gewässer, auf denen hübsche alte Segelboote liegen, die Sorte, die keinen Kiel hat und ganz breit ist, damit sie im flachen Wasser fahren kann.

Der Bahnhof von Groningen ist ein schönes altes Backsteingebäude, durch das viele Menschen rennen. Auch Holländer haben es eilig. Unter dem Bahnsteigdach steht ein Klavier. Jemand sitzt an dem Klavier und spielt was Hübsches. Das gibt der ganzen Situation etwas Slapstickhaftes, rennende Holländer mit Klavierbegleitung.

In Groningen sind Fahrräder genauso gefährlich wie Autos. Sie fahren genauso schnell und sind wie die Autofahrer gewillt, Dich zu überfahren, wenn Du nicht sofort aus dem Weg springst. Wenn man vom Bahnhof in die Stadt geht, kommt man am Museum vorbei. Im Museum wird David Bowie gezeigt. Es ist eine preisgekrönte Ausstellung, die jetzt noch beliebter geworden ist, weil David Bowie gestorben ist. Der Tod eines Popstars macht ihn bei den Massen so beliebt, dass ich als Popstar mir große Sorgen machen würde, wenn meine Plattenfirma Geld braucht. Die Ausstellung ist jeden Tag ausverkauft. Vor dem Museum steht ein Schild „David Bowie Is Sold Out“.

Nach dem Museum geht es durch eine enge Gasse in die Stadt. In der Gasse gibt es viele kleine Geschäfte mit Zeugs, das Touristen gerne kaufen, weil sie es nicht brauchen und zu Hause nie kaufen würden. Man kann aber nicht in Ruhe die Schaufenster ansehen, weil dauernd Fahrräder vorbei flitzen. In der engen Gasse sind viele Menschen, eine richtige Menschenmenge, die sich in Richtung Innenstadt bewegt, es ist wie bei einer Demonstration. Es könnte eine Demonstration von Touristen sein, die für ihr Recht eintreten, in fremden Städten sinnlose Dinge zu kaufen.

Als es kurz anfängt zu regnen, gehe ich in ein Lokal. Eine hübsche junge Holländerin kommt auf mich zu und fragt mich was. Ich denke, sie will wissen, was ich essen will, um dann zu enscheiden, ob ich in das Restaurant darf oder nicht. Sie sieht meine Verwirrung und merkt auf Englisch an, dass es oben auch noch freie Plätze gibt. Oben gibt es auch noch freie Plätze. Außerdem sind da viele entspannte Holländer. Manche haben Kinder dabei, die keinen Krach machen. Der Tourist aus Deutschland kann sich nur wundern. Überhaupt sind sie alle sehr freundlich zu mir, obwohl meinesgleichen in Horden durch die Stadt ziehen, um alles wegzukaufen und sich zu amüsieren. Auch das verwirrt mich.

Ich laufe durch die Stadt. Mal scheint die Sonne und es ist sehr windig, mal fallen ein paar Tropfen Regen und es ist sehr windig. Um die Stadt herum ist ein Wassergraben wie bei uns im Zoo um das Freigehege für Tiger. Nur liegen in dem Wassergraben hier eine Menge Hausboote. Was ich besonders liebe, ist, dass holländische Hausboote ganz spießige Haustüren haben. Die gleichen Haustüren wie Häuser, mit Briefschlitz und Klingel.

Dann tun mir wieder mal die Füße weh und ich setze mich in ein Schnellrestaurant und esse einen Joghurt. Es ist ein Schnellrestaurant mit einer Art Wintergarten, der ein Glasdach hat. Man sitzt in der Sonne. Ich sitze in einem holländischen Schnellrestaurant unter lauter Holländern und denke, Mensch, jetzt sitze ich in einem holländischen Schnellrestaurant unter lauter Holländern, und durch das Dach scheint die Sonne, ist das nicht toll? Als ich den Joghurt aufgegessen habe, kaufe ich noch Sachen, die ich zu Hause niemals kaufen würde, damit ich meine Touristenpflicht erledigt habe und beruhigt nach Hause fahren kann. Ich kaufe auch frischen Erdbeersaft mit Limone und denke, warum gibt es das bei uns nicht. Ich laufe ein bisschen durch die Stadt, weiche Fahrrädern aus und mache hübsche Fotos.

Schließlich gehe ich zum Bahnhof, lausche der Klaviermusik und trinke im Bahnhofsrestaurant einen sehr großen Kaffee. Das Bahnhofsrestaurant ist von Starbucks übernommen worden. Der kleinste Kaffee ist ein halber Liter. Die freundliche junge Frau hinter dem Tresen fragt mich, welche Größe. Ich rufe entsetzt aus, die kleinste. Ich will keinen Liter Kaffee haben. Sie grinst. Ich glaube, diese Einliterbecher bei Starbucks dienen dazu, dass die hübschen Damen hinter dem Tresen ihre Gäste damit erschrecken können. Ich sitze noch eine Weile im Starbucks und sehe den anderen beim Sitzen zu, dann gehe ich zur Haltestelle und auf die Minute pünktlich kommt der Bus. Er fährt erst durch den bunt beleuchteten kleinen Groninger Ballungsraum, dann durch die pechschwarze Nacht. Zum Schluss geht es durch Leer, wo alle Häuser dunkel sind und die Straßen völlig ausgestorben. Klar, es ist ja auch schon 19:30, da sind hier alle längst im Bett. Als ich auf dem Bahnsteig stehe, wird ein Zug angesagt, der nicht kommt, dann noch einer, der auch nicht kommt, dann kommt einer, der erstmal nicht weiterfährt, aber während er nicht fährt, kommt ein dicker Schaffner und kontrolliert meinen Fahrschein. Ich fühle mich sofort wieder wie zu Hause.

Groningen1

12. Februar 2016