Mit Facebook auf der Flucht.

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Facebook, ist das nicht dieses nervige Ding, wo alle Leute Katzenbilder posten und sich von der NSA überwachen lassen? Ja, aber Facebook kann viel mehr sein, zum Beispiel ein prima Werkzeug für Leute, die ihr Wissen teilen und sich gegenseitig unterstützen wollen. Man kann schnell über die meisten Grenzen hinweg miteinander kommunizieren, ganz einfach vom Smartphone aus. Dass so etwas manchmal lebenswichtig ist, habe ich als Laie von einem Syrer erfahren, der eine Facebook-Gruppe nutzte, um nach Europa zu fliehen. Er berichtete davon in holprigem Englisch, ich habe die Geschichte so aufgeschrieben, wie ich sie verstanden habe.

Wie flieht man mit Hilfe seines Smartphones nach Europa? Zuerst einmal braucht man echte Freunde, auf die man sich verlassen kann. Freunde aus dem richtigen Leben. Mit ihnen gründet der junge Mann aus Damaskus eine Facebook-Gruppe. Die Mitglieder der Gruppe wollen fliehen, manche sind schon auf der Flucht, andere bereits am Ziel. Sie berichten über ihre Erfahrungen und geben konkrete Tipps. Wieviel Geld braucht man, wieviel Essen kann man mitnehmen?

Die Flucht des jungen Mannes beginnt mit einer Schiffsreise in die Türkei. Dort angekommen gelingt es ihm, etwas Geld zu verdienen. Um jetzt nach Griechenland weiter zu reisen, muss er sich mit „Traffickers“ einlassen, mit Schleppern, die letztendlich Kriminelle sind. Man kann keinem von ihnen wirklich trauen. Der junge Mann wählt sich einen Schlepper aus, mit dem Freunde von ihm bereits gute Erfahrungen gemacht haben. Das bringt keine absolute Sicherheit, aber es ist besser als nichts. Alle schreiben auf Facebook, mit wem sie nach Griechenland gereist sind, welche Erfahrungen sie gemacht haben und ob sie einen Trafficker weiterempfehlen. Ein Verfahren, das an die bekannten Bewertungsportale erinnert.

Die Überfahrt nach Griechenland in kleinen baufälligen Booten ist der gefährlichste Teil der Reise. Alles, was er über die Trafficker, den Treffpunkt, das Boot und so weiter in Erfahrung bringt, postet er in der Gruppe. So ist er nie ganz aus der Welt, auch während seiner gefährlichen Überfahrt bekommen die Familie und die Freunde Informationen darüber, wo er sich befindet. Im überfüllten Boot werden Videos gemacht und ins Netz gestellt. Ergreifend ist die Geschichte von einem Freund, dessen Boot in Seenot geraten ist. Er hat im sinkenden Boot per Handy die GPS Koordinaten ermittelt und sie in der Facebook-Gruppe gepostet. Seine Freunde, die bereits am Ziel waren, haben die türkische und die griechische Küstenwache von Deutschland aus angerufen und die Position des sinkenden Bootes durchgegeben.

Von Griechenland aus geht es weiter in Richtung Deutschland. Zur Orientierung nutzt er wie viele Flüchtlinge Google Maps. In jedem Land muss eine neue SIM Card gekauft werden. Ständiger Begleiter ist außer dem Smartphone eine Powerbank mit genug Power für sechs Akkuladungen. So kann er selbst im Wald ständig online sein. Mal geht es zu Fuß weiter, mal mit dem Bus oder mit dem Zug, eine kurze Strecke legt er im Flugzeug zurück. Jeder seiner Freunde berichtet der Facebook-Gruppe, wo er gerade ist und was er erlebt. Wenn ein Grenzübergang geschlossen wird oder die Polizei Leute verhaftet, erfährt die Facebook-Gruppe in Echtzeit davon, andere Flüchtende suchen sich sofort neue Wege.

Die Freunde, die bereits in Sicherheit sind, geben sich Mühe, rund um die Uhr online und in der Facebook-Gruppe zu sein. Schnelles Reagieren auf einen Hilferuf kann Leben retten. Durch das GPS auf dem Handy kann man schnell ermitteln, wo jemand ist. Manchmal werden Fotos geschickt aus einem Wald oder von einer Kreuzung. Erkennt jemand diese Kreuzung? Wie geht es von hier aus weiter? Mehr als 1000 solcher Facebook-Posts kommen in der Gruppe in Spitzenzeiten pro Tag zusammen. Vermerkt wird, wer einem unterwegs geholfen hat und um welches Dorf man besser einen Bogen macht. Die Flüchtlinge erfahren, dass Ungarn scharf darauf ist, Registrierungen und Fingerabdrücke zu bekommen, weil die EU für jeden registrierten Flüchtling Geld zahlt.

Von Wien aus fährt der junge Mann mit dem ICE nach Hamburg, um sich hier registrieren zu lassen – und um seine Freunde zu umarmen, wie er sagt. Jetzt ist er hier in Hamburg und hängt fast ununterbrochen am Smartphone. Denn viele seiner Freunde sind noch unterwegs, und er will dafür sorgen, dass alle heil und gesund ihr Ziel erreichen. Viel Glück!

23. Februar 2016