Berliner Tor

Hamburger,
wenn Du es schön haben willst,
geh an die Elbe.

Wenn Du feiern willst und dahin kotzen,
wo die anderen auch schon hingekotzt haben,
mach Dich auf zur Reeperbahn.

Wenn Du auf reiche Leute mit großen Tüten stehst,
ist der Jungfernstieg das ideale Ziel.

Doch willst Du Hamburg erleben,
die Stadt und ihre Menschen,
zieh‘ Dir einen Abend rein
im S-Bahnhof Berliner Tor.

Wenn ganz Hamburg saniert, renoviert,
rasiert und auf Hochglanz poliert wird,
hier ist noch alles beim Alten,
Möwenscheiße auf dem Boden,
Spinnweben an der Decke,
nichts glänzt, aber manches riecht
am Umsteige-Knoten im Schatten der Stadt.

Du triffst Menschen aus der ganzen Welt,
die eines gemeinsam haben,
die Plastiktüten von Real.

Du siehst heranwachsende Kinder
mit selbstgebastelten Handkarren
riesige Säcke voller Reis
die Treppen hinauf und hinunter wuchten.

Du kannst bei Empire of Döner und Bäckerei,
ich liebe ja diesen Namen, also noch mal:
Bei Empire of Döner und Bäckerei
kannst Du Dich lecker satt machen,
während nebenan die Tagelöhner
von den weiten Steppen des Ostens
ihrer Leber geben, wonach sie verlangt.

Einer von ihnen wird später auf den Gleisen landen,
Rettungswageneinsatz,
Zugverkehr bis auf Weiteres unterbrochen …
bitten wir um Entschuldigung.

Du triffst total überdrehte Schulklassen
aus Orten wie Gifhorn oder Barsinghausen
auf dem Weg vom Hostel, na wohin denn?
Richtig, zur Reeperbahn, begleitet von müden Lehrern.

Merke:
Wer im Januar Mini trägt, einen auf cool macht,
der will auf jeden Fall zur Reeperbahn.
Vorher noch am Berliner Tor
eine Bierflasche exen,
auf dem Boden zerschmettern
und davon ein Selfie machen,
auf Instagram stellen,
Bildunterschrift „Keep it Real, Bruder!“

Menschen, die von leeren Flaschen leben,
schleichen vorbei,
stochern mit ihren Taschenlampen
in die Papierkörbe.

Putzfrauen mit rissigen Händen
sprechen brasilianisch
und schütteln sich laut vor Lachen.

Eine Gruppe muskulöser Männer in T-Shirts,
jeder die Flasche in der Hand
sehen sich ratlos um,
und bevor sie fragen können,
sagst du „Reeperbahn? This way!“
und dann schickst du sie nach Bergedorf,
aber nur wenn sie Dir zu doof sind.

Sportliche Jungs mit großen Taschen,
irgendwo in der Nähe gibt es Boxunterricht.

Der Mann von vorhin
liegt inzwischen auf dem Gleis und schläft.
Jetzt schnell den Notfall Knopf drücken.
Deine gute Tat für heute.
Der Zugverkehr auf unbestimmte Zeit unterbrochen.
Für entstandene Unannehmlichkeiten
bitten wir um Entschuldigung!

Der dicke Imam wartet wie jeden Abend
auf den Bus nach Rothenburgsort.

Auf sechs Spuren heulen und röhren
nervöse BMWs ihre Feierabend-Rennen,
während warnbewestete Arbeiter eine Bahnbrücke bauen.

Berliner Tor, das wahre Hamburg für mich,
das ist nicht für jeden, das steht nicht im Reiseführer,
taucht nicht auf in den Listen von mit Vergnügen.

Am U-Bahn Eingang wird gefeiert,
hoch die Tassen mit Gesang,
hier brauchst du keine Gästeliste,
wenn du nach Urin riechst gehörst du dazu.

Die Frau,
die auch nachts eine Sonnenbrille trägt,
sucht nach Pfandflaschen.

Rollen Skateboards im Gang über den Gleisen,
sechs dünne junge Männer
und lauter als ein Zug mit fünfzig Containern.

Vor dem Empire of Döner eine Schlange
United Nations of Empire of Döner,
alle Hautfarben außer blau und grün,
Abendkleid oder dreckige Arbeitskleidung,
einer hat zwei Eimer Wandfarbe dabei,
ein anderer eine Gitarre.

Auf den Stufen chillst Du mit Jacky Cola
und siehst eine schwarze Hochzeitsgesellschaft
in bunten Seidengewändern,
Anzug mit Weste, weißem Hemd und Krawatte.

Und der nächste Flaschensammler.

Ein paar böse Jungs treffen ein paar ganz böse Jungs,
Geschrei und Polizei,
auf unbestimmte Zeit unterbrochen,
für entstandene Unannehmlichkeiten …

Quietschende Rolltreppe
klingt wie Möwengeschrei.

Touristen umklammern ihre Rollkoffer,
Angst wie in der Dritten Welt,
plötzlich fangen alle an zu rennen,
Treppe runter, Rolltreppe hoch,
die S21 Richtung Bergedorf kommt,

Ein Mann kontrolliert die Automaten
nach vergessenem Kleingeld.

Einer, der nur eine Hose trägt
und Blut im Gesicht,
brüllt die Wand an.
Die Wand bleibt stumm.

Ja, und ich hole den Stift raus.
Weil: Berliner Tor,
das wäre doch mal was für den Poetry Slam.

08. Juni 2018