Bin ich schön?

Finde ich mich schön? Das ist eine schwere Frage. Manchmal stehe ich vor dem Spiegel und bewundere mich. Ich kann mir dann gar nicht vorstellen, dass es etwas Hübscheres, Schöneres oder Bezaubernderes geben kann als mich. Aber oft ist der Traum von einer Sekunde zur anderen vorbei. Dann finde ich mich unendlich hässlich.

Manchmal fällt mir ein Detail auf, zum Beispiel an den Greifwerkzeugen. Die finde ich nicht symmetrisch genug, oder irgendwie plump, gewöhnlich. Jetzt komme ich mir vor wie die hässlichste kleine Vogelspinne der Welt. Und ich muss weinen. Weil ich eine Spinne bin, habe ich auch keine Mutti, die mich tröstet. Bei uns werden einfach Eier gelegt und dann wird die Brut sich selbst überlassen. Das ist hart für uns kleine Spinnen.

Habe ich nicht schöne Beine? Die hinteren kann ich nur sehen, wenn ich vor dem Spiegel stehe, aber die vorderen gefallen mir besonders. Bei vielen Vogelspinnen sind sie einfach schwarz, komplett mit Haaren bedeckt. Meine Beine dagegen sind schwarz rot gestreift und die Haare darauf sind eher hellgrau, das sieht sehr modern aus. Fast ein bisschen herausfordernd erotisch, deshalb bin ich sehr stolz auf die Beine.

Jetzt habe ich mich auch angemeldet und mache bei Top Monster mit. Das ist so eine Sendung, wo die Monster Mutti das absolut schönste Ungeheuer wählt. Wer das neue Top-Monster ist, wird sofort weltweit berühmt. Wenn ich gewinne, wollen sicher alle anderen Spinnen sich rote und schwarze Streifen auf die Beine malen, damit sie auch so schön sind wie ich.

Aber es ist total schwer, da zu gewinnen. Es sind ja nicht nur Spinnen, es machen auch Fledermäuse mit und schleimige Wasserschlangen, Nacktmulche, Engerlinge, Kaulquappen, Tintenfische. Einmal war ein Blobfisch dabei, der hat natürlich sofort gewonnen.

Leider weiß man nie, welche Art von Schönheit gerade angesagt ist. Das einzig Sichere, das ist die Mode. Tintenfisch-Greifarme, das war letztes Jahr. Wenn sie letztes Jahr gewonnen haben, dann wird es diesmal garantiert nichts. Weil die Zuschauer sich sattgesehen haben an hübschen Tentakeln. Dass eine Spinne Top-Monster wurde, das hat es dagegen lange nicht gegeben. Wenn schöne Beine wieder in Mode kommen, habe ich eine faire Chance.

Ich habe nicht nur mehr Beine als die meisten anderen, ich habe auch diese grauen Härchen, und ich kann meine Beine besonders bewegen. Das habe ich lange trainiert. So hebe ich das Beine vorne rechts, dann das daneben und immer so weiter, bis eine Art La Ola Welle entsteht. Das hat noch keine Spinne gebracht, das ist meine Chance.

Wir Spinnen haben ja leider keine Namen, aber wenn ich gewinne, möchte ich Lola La Ola heißen. Als Top-Monster werde ich ganz glücklich sein. Dann krabbele ich überall herum und alle werden hinter mir her tuscheln. Ist sie nicht schön Drückt sie nicht diese perfekte Mischung aus Unschuld und Verruchtheit aus? Sie nennt sich Lola La Ola, werden sie tuscheln. Und die ganzen kleinen Monster wollen dann alle so werden wie ich.

Die kleinen schleimigen Wasserschlangen tun mir heute schon leid, die haben nämlich gar keine Beine. Das muss schlimm für sie sein, wenn gerade Spinnen in Mode sind. Ich hoffe, Wasserschlangen kommen nie in Mode. Denn wenn das passiert, wäre ich abgemeldet. Dann wären Beine total von gestern, und ich habe acht davon.

Aber die Monster Mama ist unberechenbar. Sie liebt es, uns zum Weinen zu bringen,. Das freut die Zuschauer und macht Quote. Ich habe mal eine Sendung gesehen, da hat sie eine giftige Mücke ganz doll zum Weinen gebracht. Die hat natürlich nicht gewonnen, aber berühmt geworden ist sie trotzdem. Man nannte sie die flennende Schnake. Sie wurde immer eingeladen, wenn so Einkaufszentren eröffnet wurden. Da musste sie erst erzählen, wie es mit der Monster-Mutti war. Danach musste sie weinen, so lange sie konnte. Dafür ist sie ja berühmt geworden, das wollten alle an ihr sehen. Ich weiß nicht, ob das jetzt gut ist oder nicht, wenn man berühmt wird, weil mal eine flennende Schnake ist.

Ich will lieber Lola la Ola sein, die hübsche verruchte Vogelspinne.

17. Juni 2019