Das Spenst.

Gespenst

Das Spenst gießt sich noch einen tiefen Schluck ins Glas, trinkt ihn in einem Zug und starrt alkoholisiert auf die mit Ölfarbe gestrichene Küchenwand. Es tut sich unendlich Leid. Seine Zeit ist vorbei. Nirgendwo wird ein tüchtiges Gespenst gebraucht, das seinen Beruf noch von der Pike auf gelernt hat. Früher, ja früher war alles noch ganz anders. Da genoss man noch hohes Ansehen in der Welt und konnte auf Parties jede Menge attraktive Geisteswesen des anderen Geschlechts um sich scharen, wenn man von gelungenen Spukereien berichtete. Früher sahen kleine Kinder jeden Abend unter dem Bett nach, ob ein Monster darunter lag. Schriftsteller wie der berühmte Engländer Sir Arthur Conan Doyle, der deutsche Jurist E. T. A. Hoffmann, der Kommunist Karl Marx und der Dandy Oscar Wilde lieferten die vorzüglichsten Geistergeschichten, de Herren zittern und Damen erbleichen ließen. Gespenster konnten ihren Dienst tun, durch alte Schlösser mit knarrenden Dielen spuken und sensiblen Damen einen Schreck fürs Leben einjagen, um sie anschließend in die Arme tapferer Ritter zu treiben. Wenn diese dann der Weiblichkeit mit ihrem Liebesgeflüster die Angst vor Geistern zu nehmen versuchten, saß das Spenst in der Nähe und wischte sich eine Träne aus der leeren Augenhöhle. Das war ein schönes Leben.

Dem Spenst ist jetzt ganz weinerlich zumute. Es gießt sich noch ein Glas von dem wunderbaren Himbeergeist ein. Sein Blick gleitet über das weiße Gespenstergewand. Ziemlich abgetragen sieht es aus, an manchen Stellen kann man den Stoff beim besten Willen nicht mehr als weiß bezeichnen. An einer Seite ist das Gewand sogar ein Stück aufgerissen, so dass man die nackten mageren Beine des Spensts sehen kann. Eine Schande ist das. Vor so einem Gespenst gruselt sich kein Mensch, da bekommt man eher Mitleid. Eigentlich kann sich ein Geist, der etwas auf sich hält, kaum noch aus der Höhle trauen.

Es hebt das Glas ein weiteres Mal und leert es ohne abzusetzen. Das Spenst schüttelt sich. Brrr, was für ein scharfes Zeug. Da wird einem doch gleich ein kleines bisschen wärmer ums kalte Herz. Das ist auch gut so, denn jetzt wandern die Gedanken des traurigen Geistes zu der mauligen Tante vom Jobcenter. Was für ein dummes, selbstgefälliges Weib. So eine hätte das Spenst gern so gründlich zu Tode erschreckt, dass sie ihr ganzes weiteres Leben im Kloster verbracht und sich nie wieder rausgetraut hätte. Aber nichts zu machen. Ein Blick in die Sachbearbeiterinnen-Augen und es war klar, so eine lässt sich nicht erschrecken. Was hatte sich das arme Spenst von ihr nicht alles anhören müssen! Überflüssig sei es und nicht vermittelbar. Sie wollte es in eine Maßnahme stecken und zum Mediengestalter Fachrichtung Webgesign umschulen. „Im Internet, da spielt heute die Musik.“ Völlig demoralisiert spukte das Gespenst im Sozialamt herum, bevor es nach Hause schlich.

Dabei hätte es wissen müssen, dass das Jobcenter ihm nicht helfen kann. Die Zeiten sindvölig geistlos geworden, und die Menschen brauchen keine Gespenster mehr. Sie gruseln sich vor Euro-Rettungsfonds, Kopftuchmädchen, Auto-Zündlern, Autobahnen, Überfremdung, Schwermetall im Essen, Hühnergrippe, Germanys next Topmodel, Schuldenschnitt, Legionärskrankheit, El Kaida, Wall Street und vor allem, was der Papst so sagt und tut. Kein Wunder, dass Gespenster da nicht mehr zeitgemäß sind. Es ist geradezu anders herum. Vor einigen Jahren hatte ein Elektronikmarkt einen freundlichen weißen Geist als Werbefigur. Kinder lesen heutzutage serienweise Bücher über den, dessen Name nicht genannt werden kann, und über die Untaten verliebter Untoter.

Denn man Prost! Mist, jetzt ist die Flasche leer. Das Spenst wankt durch die Gespensterhöhle. Es stößt sich an den Wänden und fügt den Beschädigungen seines Kostüms einen weiteren kleinen Riss zu. Schimpfend und brummelnd tastet es sich vor bis zur kleinen Schreibecke, in der der Computer steht. Hier findet das letzte Ritual vor dem nächtlichen Spuken statt, ein Besuch auf der Website GruselpartnerScout24.de. Das Spenst hat sich nämlich zu allem Unglück auch auf Partnersuche begeben und ist schon ganz gespannt darauf, zu sehen, ob die kleine dralle Hexe zurückgeschrieben hat, die sich einen niveauvollen Spuk zu zweit, bei Gefallen mehr, wünscht.

Doch das alkoholisierte Geisteswesen kommt nicht mehr dazu, nach der Hexe zu sehen. Kaum hat es sich auf der Website von GruselpartnerScout24 eingeloggt, fällt seine leere Augenhöhel auf die Werbung der Internet-Jobbörse monster.de. Ein Software-Konzern sucht gerade dringend böse Geister, Untote, Trolle und Gespenster jeder Art. Das Unternehmen, das sich auf Englisch GanzKleinUndWeich nennt, braucht Unterstützung dabei, PC Benutzer immer wieder von der neuesten Software zu überzeugen. Dazu nisten sich kleine Gespenster ganz tief im Inneren des undurchschaubaren Geräts ein und spuken herum. Mal bringen sie den Bildschirm zum Einfrieren, mal verursachen sie die berühmten schweren Ausnahmefehler. Besonders beliebt ist auch ein Absturz des Schreibprogramms, der 90 Seiten einer Examensarbeit mit sich in einen digitalen Abgrund reißt. Natürlich braucht kein böser Geist dafür eine Vorbildung, das Unternehmen schult seine Mitarbeiter regelmäßig auf die beste Weise. Es zahlt gut und bietet nicht nur vorbildliche Sozialleistungen, sondern auch einen jährlichen Betriebsausflug mit der Geisterbahn nach Loch Ness.

Ohne sich noch um die liebeswillige Hexe und den Posteingang bei GruselpartnerScout24.de zu kümmern, sucht das Spenst seine Bewerbungsunterlagen zusammen. Das ist der Job, von dem es immer geträumt hat. Statt in feuchten Kellern sein Unwesen zu treiben, kann es trocken auf einem Motherboard sitzen. Es braucht keine Arbeitskleidung und kann wahrscheinlich ein Großteil seiner Kunden in Heimarbeit übers Netz betreuen. In kürzester Zeit hat es die Bewerbung abgeschickt, spukt noch ein bisschen aufgeregt im Zimmer herum und fällt dann müde in das Spinnennetz, das ihm als Hängematte dient. Und als das Spenst das erste Schnarchen ertönen lässt, schiebt sich die Sonne über den Horizont und ein neuer, hoffnungsfroher Tag beginnt!

01. März 2012

Die Selbsthilfegruppe.

Beratungsstelle

Ich bin froh, dass ich die Gruppe habe. Wir treffen uns jeden Dienstag in den hinteren Räumen der Beratungsstelle. Gegenüber ist die Teeküche. Erstmal wird Früchtetee gekocht, es gibt drei verschiedene Sorten in großen Thermoskannen. Wir haben Teebecher mit verschiedenen niedlichen Motiven oder Werbeaufdrucken. Kaffee und schwarzer Tee werden nicht gern gesehen. Manche unserer Gruppenmitglieder sind hypersensibel und können mit der Energie des Koffeins nicht umgehen.

Nacheinander treffen alle Mitglieder ein. Wir räumen die Tische an die Wände und bauen einen Stuhlkreis auf. Ich habe den Verdacht, dass dies alle Gruppen tun, die sich hier treffen, so dass die Tische letztendlich überflüssig sind. Aber es kann auch sein, dass die Tische nur pädagogischen Zwecken dienen. Das Wegräumen stärkt die Gemeinschaft – und für einige von uns stellt es die einzige Betätigung in der Woche dar, die sie ein wenig ins Schnaufen bringt.

Wir setzen uns in den Stuhlkreis. Jeder hält seinen Teebecher in den Händen und starrt in die dampfende Flüssigkeit. Gundula schleppt ein Tischchen aus dem Flur herbei, um ihren Becher abzustellen. Friedjung ist noch damit beschäftigt, die Fenster zu öffnen, um etwas frische Luft hinein zu lassen. Dazu muss eine riesige Topfpflanze bewegt werden. Ich habe das Gefühl, die Pflanze wehrt sich, und er kämpft mit ihr.

Friedjung ist unser Gruppenleiter. Er eröffnet den Abend und stellt die beiden Neuen vor, einen Mann und eine Frau. Wir gehen über zur Eingangsrunde. Jeder von uns erzählt, wie es ihm geht, wo er gerade steht und ob er „es“ wieder getan hat. Wir versuchen, jeder Erzählung mit Empathie zu begegnen. Wir sitzen alle im selben Boot. Denn wir sind Süchtige.

Jetzt dürfen die Neuankömmlingen etwas über sich berichten. Der Mann nennt sein Alter und die Zahl seiner Kinder. Die Frau dagegen holt weit aus, lässt ihr ganzes Leben vor uns auferstehen und berichtet von vielen Kränkungen, Ungerechtigkeiten und Verletzungen. Wir Stammgäste üben uns in Geduld. Darin sind wir Profis. In den acht Jahren, in denen die Gruppe besteht, haben wir schon viele solcher deprimierenden Geschichten gehört.

Die anschließende Diskussion ufert aus. Einige von uns nutzen bestimmte Aspekte in der leidensreichen Lebensgeschichte der neu angekommenen Frau, um selbst Erlebtes beizusteuern. Meist geht es um Erfahrungen, die noch schrecklicher sind als die soeben gehörten. Längst ist kein roter Faden mehr zu erkennen, außer dem, dass jeder es ähnlich schwer hat und sich tapfer dem Schicksal gegenüber stellt.

Alle sind wir süchtig nach dem Besuch von Selbsthilfegruppen. Manche von uns haben bis zu zwanzig verschiedene Gruppen pro Woche besucht. Einige von uns hatten in den Fluren der Beratungsstelle geschlafen, um keine einzige Gruppe zu verpassen. Doch schließlich hat jeder Einzelne gespürt, dass er Hilfe braucht, dass die Gruppen sonst sein Leben zerstören.

Jetzt unterstützen wir uns gegenseitig. Es gibt eine Telefonliste. Jeder von uns hat einen Partner, der auf ihn aufpassen muss. Wenn wir die Lust verspüren, unserer Sucht nachzugeben und eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, rufen wir sofort unseren Partner an. Der gibt dann sein Bestes, um uns von diesem Vorhaben abzuhalten. Oft machen wir stattdessen Kinobesuche, oder manche gehen zum Boxen. Friedjung hat seinen Partner sogar angezeigt und einsperren lassen. Manchmal hilft eben nur konsequentes Handeln gegen die Sucht. Wir müssen unseren Partner vor sich selbst schützen, nahezu um jeden Preis. Es ist wie in jeder anderen Suchthilfe auch. Man munkelt von Fällen, wo Menschen in die Geschlossene gekommen sind. Dort hat man sie ans Bett gefesselt, um ihnen jeden Besuch einer Selbsthilfegruppe unmöglich zu machen.

Den meisten von uns fällt es schwer zu begreifen, wie es soweit kommen konnte.

19. Februar 2012

Sibirische Kälte.

Titel des Blogbeitrags Sibirien

Wenn es so kalt wird, wie uns der Wetterbericht droht, erwarten uns Zustände wie in Sibirien. Da friert so gut wie alles ein. Zuerst natürlich die Seen, die Wasserleitungen und die Zentralheizung. Doch das ist nur der Anfang der Zu- und Abfriererei. Der Morgenkaffee eines Sibiriers friert noch auf dem Weg aus der Kanne in die Tasse, und nicht selten zerschlagen dabei scharfkantige Eisbrocken das kostbare Sammelgeschirr älterer Damen. Um das morgendliche Getränk zu genießen, muss man es erst in kleine Teilchen zerhacken. Kein Wunder, dass es keine Kaffeelöffel gibt. Jungen Brautpaaren schenkt man stattdessen kleine silberne Spitzhacken, die neben die Tasse gelegt werden. Haustiere wie Katzen, Hunde oder Meerschweinchen existieren nur im gefrorenen Zustand, man nutzt sie als Dekoration. Manchmal ist die Kälte ganz praktisch: Sofakissen braucht man nur einmal den richtigen Knick verpassen, der bleibt dann lebenslang drin. Glas ist in Sibirien so gut wie unbekannt, weil Fenster und Flaschen gleich aus Eis hergestellt werden. Bei den meisten Menschen hängen Eiszapfen von den Lippen, denn die Atemluft gefriert sofort.

Die Menschen sind äußerst kaltblütig und oft gefriert ihnen das Lächeln auf den vereisten Lippen. Statt heißer Liebe regiert im nördlichsten Teil Russlands nur eiskalte Leidenschaft. Die Frauen wirken doppelt attraktiv, wenn sie eine gesunde blaue Gesichtsfarbe haben. Doch zum Geschlechtsakt kommt es nur selten, denn wer die zehn übereinander angezogenen Jacken und Pullover ablegt, spürt sofort eine dünne Eisschicht auf der Haut. Zumindest brauchen die sibirischen Männer kein Viagra, die Kälte lässt ihnen alle Glieder gefrieren. Babies werden gleich nach der Geburt in die Gefriertruhe gelegt, damit sie es – für sibirische Verhältnisse – gemütlich warm haben.

Kein Wunder, dass die Russen des Nordens sehr melancholische Leute sind und dem Alkoholismus frönen. Das ist allerdings schwierig. Wenn man sich im Lokal zum Eisbein einen Block Bier bestellt, muss man erst stundenlang darauf sitzen, um das Getränk aufzutauen. Umgangssprachlich nennt man das „gemütlich ein Bierchen ausbrüten“. Wodka trinkt man schon lange nicht mehr, man lutscht ihn und lässt sich von innen wärmen. Täte man das nicht, würde man sich die Gesäßöffnung durch das Eis verletzen.

Waschen ist in Sibirien so gut wie unmöglich, doch immerhin lassen sich Schmutz und Schweiß mit dem Hammer abschlagen. Enteisungsspray wird palettenweise eingekauft. Man nutzt es, um die Kinder aufzutauen, damit sie zur Schule gehen können. Andere moderne Errungenschaften sind dagegen so gut wie unbekannt. Friseure zum Beispiele gibt es in Sibirien nicht, weil sich Haare bequem abbrechen lassen. Computer sind unbeliebt, weil die Bildschirme einfrieren. Musik gilt als gefährlich, denn davon können die Ohren abbrechen. Der Bikini hat sich als Kleidungsstück nicht durchgesetzt und importiertes Speiseeis verkauft sich so gut wie gar nicht. Angeln ist kein Volkssport und FKK völlig unbekannt. Dafür vermehren sich die Eisbären rasant. Sie ernähren sich von gefrorenem Fisch wie auch von gefrorenen Fischern, und beides ist in Sibirien reichlich vorhanden.

13. Februar 2012

Herbst. Vor meinem Fenster.

Herbst

28. Oktober 2011

Wenn wir erklimmen.

Gipfelkreuz

Musik spielt eine wichtige Rolle in meinem Leben. Eines meiner liebsten Lieder ist: „Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen, steigen dem Gipelkreuz zu ja zu, brennt eine Sehnsucht in unsern Herzen, die lässt uns nimmermehr in Ruh ja Ruh …“

Mein Vater hat es mir immer vorgesungen. Mein Vater hat mir auch erklärt, was das Lied bedeutet. Früher sind die Menschen auf Berge gestiegen, das war abenteuerlich und manchmal ziemlich gefährlich. Sie haben gesungen, um ihre eigenen Ängste ein bisschen zu übertönen, hat mein Vater gesagt. Mein Vater konnte alles gut erklären. Er hat immer so getan, als ob er über alles Bescheid in der Welt genau wisse. Dabei ist mir schon lange klar, dass er die ganzen Geschichten von meinem Großvater hat, denn der ist ja der letzte, der auf dem Planeten geboren wurde.

Ich liebe den Optimismus, den das Lied von den Bergvagabunden ausstrahlt. Die Menschen, die auf diese Berge gestiegen sind, wollten immer höher hinaus. Sie wollten bis zum höchsten Punkt des Berges steigen. Das hieß damals Gipfelkreuz, weil sie, wenn sie den Berg erstiegen hatten, ganz oben ein Kreuz zu Ehren ihrer Gottheit errichteten. Das war noch vor der großen Glaubenskrise, die mit der Abschaffung der Religion endete.

Einen Berg muss man sich so vorstellen: Der Planet bestand aus einer sehr harten Masse. Diese Masse war aber nicht gleichmäßig verteilt. An manchen Stellen hat sie sich bis zu 9000 Meter hoch getürmt. Das nannten die Menschen Berge, und manche besonders Mutige entwickelten die Leidenschaft, sie zu erklimmen.

Ich habe natürlich Filme über Berge gesehen. Wenn mutige Mensche einen Berg erklimmen, kann es sehr kalt werden oder es kommt ein Wetter, dann gibt es etwas, das Wind heißt, das ist oft tödlich. Und eine weiße Masse gibt es auch, die ist ebenfalls potenziell tödlich. Die Menschen haben sich damals freiwillig großen Gefahren ausgesetzt, das können wir heute nicht recht verstehen. Aber was ich gerne mal erlebt hätte, das ist die frische Luft. Auf dem Planeten soll es ungereinigte, nicht kontigentierte Luft gegeben haben, die auch diesen leichten Geruch nach Desinfektion nicht hatte, an den wir uns hier seit über 100 Jahren gewöhnen mussten.

Unser Leben ist natürlich viel geregelter als auf dem Planeten. In unserer Welt gibt es gerade mal vier Stockwerke, und sie ist komplett aus Stahl und Carbonfaser. Von einem Stockwerk zum anderen kommt man bequem mit dem Lift, und nur wenn ein Lift ausfällt, nimmt man die Treppe. Hier gibt es nichts zu erklimmen.

Die einzigen Abenteuer, die wir hier erleben, sind keine Abenteuer, die man gerne erlebt. Wir machen keine Späße mit unserem Leben. Wir erklimmen nichts. Wir sind froh, wenn wir nicht ausgelöscht werden. Ich habe mal erlebt, wie in vier Sektoren der Sauerstoff entwichen ist. Das waren über 100.000 Liter kostbarster Sauerstoff. Wir mussten die Sektionen schließen und haben sechs lange Monate gebraucht, um die verlorene Luft wieder zu produzieren und die Wohnquartiere erneut zu öffnen. Vorher, und das war das eigentliche Abenteuer, sind Leute in Raumanzügen in die verwaisten Sektionen gegangen und haben nach den Löchern in der Hülle gesucht. Und draußen auf der Hülle waren auch Reparaturtrupps. Diese Trupps sind unsere wahren Helden, denen wir immer schon oft unser Leben verdankt haben.

Als die Menschen auf dem Planeten sich auf die Raumfahrt vorbereitet haben, wurden auch viele Filme gedreht. In jedem Film konnte man die Raumschiffe sehen, sie leuchteten weiß vor dem Weltraum. Das ist natürlich Blödsinn. Seit wir uns nicht mehr in der Umlaufbahn des Planeten oder in der Nähe seiner Sonne befinden, ist alles um uns herum schwarz. So schwarz wie es sich ein Mensch nicht vorstellen mag. Es hat schon Leute an Bord gegeben, die unerlaubterweise einen Blick durch eines der wenigen Fenster geworfen haben und so völlig den Verstand verloren. Mit dem All ist nicht zu spaßen.

Deshalb sind die Reparaturtrupps unsere Helden. Sie sind die einzigen, die sich der Schwärze und den absolut lebensfeindlichen Bedingungen des Alls ohne die schützende Hülle des Schiffs aussetzen. Jeder Einsatz ist lebensgefährlich. Draußen gibt es messerscharfe Meteoriten. Ein kleiner Schnitt im Raumanzug kann den Ausfall des Life-Support-Systems bedeuten, und das Leben ist in wenigen Sekunden vorbei. Jeder dieser Frauen und Männer ist darin geschult, in einem solchen Moment zuerst an das Schiff zu denken und das Leck zu verschließen. Es geht um das Leben von 6.800 Menschen, die sich auf diese Reparaturtrupps verlassen, die im Ernstfall ihr Leben opfern müssen. Deshalb öffnen wir unsere Luftschleusen nur, um diejenigen ins Schiff zu lassen, die erfolgreich an der Hülle gearbeitet haben. Die Regeln sind hart. Auf dem Planeten hätte man uns vielleicht Unmenschlichkeit vorgeworfen. Doch wir leben hier in einer unmenschlichen, sauerstofflosen, lichtlosen und absolut schwarzen Welt.

Wenn ich dieses Bergsteiger-Lied höre, das ich mir habe implantieren lassen, muss ich vor allem an unsere Reparaturtrupps denken. Ich kenne niemanden von ihnen persönlich, aber sie haben einen gefährlichen Job, und wenn sie mit ihre starken Lampen aus der Luke schwärmen, um ein Sonnensegel neu auszurichten, ist das vielleicht so, als strebten sie dem Gipfelkreuz zu.

24. Oktober 2011

Der bedrohliche Weltcomputer

Zeitbombe Internet

Th. Fischermann, G. Hamann: „Zeitbombe Internet“, Gütersloh 2011

Ich lese ja gern die zeitgenössischen Gruselschocker des Amerikaners Michael Crichton, in denen unter anderem Weltraumviren, Japaner, Chinesen, Dinosaurier oder Nanopartikel die Rolle der Bösewichter übernehmen, die früher den Untoten und Geistesgestörten vorbehalten war. Crichton war meines Wissens einer der Ersten, die wirklich gute Wissenschaftsthriller geschrieben haben, wenn auch die Wissenschaftler des jeweiligen Fachgebiets zuweilen mit den Augen rollten.

„Zeitbombe Internet“ ist im Gegensatz dazu ein Sachbuch und ein aufwendig recherchiertes natürlich. Dennoch hat mich die Dramaturgie sofort an einen Thriller Marke Crichton erinnert: Lokale Bedrohung, weltweit Megabedrohung, alles ist noch schlimmer als man dachte! Dann tritt der Held auf. In diesem Falle wird er durch die beiden Autoren vertreten, die eifrig auf der Suche um nach einer Lösung um die Welt jetten. Und am Schluss, wo sonst der Held die Liebste in die Arme schließt, findet sich hier ein Kapitel mit Thesen zum Bau eines idealen Internets.

Das Ganze liest sich kurzweilig wie ein Krimi mit saftigen Details wie überwachte Mädchenschlafsäle, geräumte Konten, zu halben Cyborgs verkommene Handynutzer. Dabei scheint das Buch nicht unbedingt für Menschen geschrieben zu sein, die sich für die Materie besonders interessieren, ich zum Beispiel habe nicht so wahnsinnig viel Neues gelernt. Sptestens als das Arpanet wieder erklärt wurde, sah ich als Zielgruppe Menschen vor mir, die Unterschriften gegen Handymasten sammeln. Die lassen sich vielleicht auch davon beeindrucken, dass Computer zu oft „Supercomputer“ genannt werden, was mich an eine Show mit Heidi Klum erinnert.

Wer das für eine nichtssagende und das Thema verfehlende Rezension hält, der muss wissen, dass ich einfach nur neidisch bin auf das Spesenkonto der Autoren. Mal sind sie auf einem Hochplateau am Columbia River (wo immer das sein mag), mal fahren sie in der Morgendämmerung die achtspurige Autobahn nach Seattle entlang oder oder sie lauschen wichtigen Männern in einer Gründerzeitvilla am Ufer des Wannsees. Na gut, da hätte ich wohl hinkommen können, wenn mich jemand eingeladen hätte.

PS: Das Buch hat natürlich seine eigene Website, welches Produkt hat die nicht?

05. September 2011

Von Automaten entthront

Ich habe ja von Menschen, die es gut mit mir meinen, zu Weihnachten eine Espressomaschine geschenkt bekommen, obwohl ich nicht darum geben hatte. Es ist eine von diesen Maschinen, die nur mit kleinen Aluminiumkapseln funktionieren, in denen der Kaffee drin ist. Jede dieser Kapseln kostet so viel wie ein Kleinwagen, nimmt aber weniger Platz weg. Weil die kleinen Dinger so kostspielig sind, haben die Menschen, die es gut mit mir meinen, ein Häuflein davon dem Geschenk beigelegt.

Erfahrene Kenner von Schicksalsschlägen wissen, was jetzt kommt. Das Häuflein Alukapseln hat lange gereicht, genau bis gestern. Und ich habe noch eine Menge Kaffee im Schrank aus der Zeit vor Weihnachten. Von diesem Kaffee habe ich mir jetzt eine Kanne gebrüht. Oh Gott, was für ein widerliches Zeug. Der Kaffee ist total dünn und schmeckt leicht verbrannt, vom akuten Crema-Mangel gar nicht zu sprechen. Unmöglich, dass ich sowas jemals gemocht haben soll. Aber so war es.

Denn das war, bevor der Automat ins Haus kam. Dieser blöde Automat, den ein paar Kaffeekenner so gebaut haben, dass er genau die richtige Menge Wasser in genau der richtigen Temperatur mit dem richtigen Druck durch den Kaffee jagt, damit es schmeckt. Das konnte ich mein Leben lang nicht so gut wie dieser Automat, und jetzt habe ich es ziemlich verlernt. Der Automat, das teuflische Ding, verlernt nie etwas. Hass!

Sollte es uns nicht wütend machen, dass immer mehr Maschinen so viele Dinge besser können als wir? Dass wir soviele kleine neunmalkluge Roboter in unser Leben gelassen haben? Ich kenne eine Frau, die findet ohne Ihr Navi kaum den Weg zum Kindergarten ihrer Tochter. Denn das kommt noch dazu. Je schlauer die Maschinen werden, umso dümmer machen sie uns. Also ziehe ich die Konsequemz und trinke diesen verbrannt schmeckenden Kaffee, um gegen den Verlust meiner Autonomie zu kämpfen. Ich komme mir wie ein Maschinenstürmer vor.

Männer, ich warne Euch! Heute denkt Ihr vielleicht noch, Euch geht das alles nichts an. Was aber, wenn ein Automat auf der Terrasse erscheint, sich die Schürze umbindet und jedes Steak perfekt grillt, jedes einzelne Steak? Dann seht ihr aber alt aus!

05. Juli 2011

Das Wetter: Ein Dinosaurier in der Verbraucherarbeit

Wetter

Die ganze Welt wird moderner, jeder twittert und jede Klopapierrolle hat ihre eigene Facebookseite. EinTrend, dem ich von ganzem Herzen begrüße. So kann ich mich endlich in Ruhe darüber informieren, was meine Freunde so treiben, ohne sie anrufen zu müssen oder – noch schlimmer – in vollen Restaurants bei schlechtem Wein anzuhören, welche Großtaten die Freundes-Kinder so zustande bringen (Bäuerchen, Schultheater-Aufführung, Juraexamen). Ich kann einfach zu Hause in älterer aber bequemer Kleidung vor dem Rechner sitzen und durch mein kleines Fensterchen die Welt beobachten. Und ich kann viele, viele Freunde haben, darunter Leute, die mich um nichts in der Welt persönlich treffen wollen, aber hey, das hier ist online, das ist modern, da wollen wir mal nicht so sein.

Wenn bloss alle mitmachen würden! Je moderner, kundenfreundlicher und crowdgesourceter die Welt wird, umso schmerzhafter stehen alte Institutionen hervor, die überhaupt nicht daran denken, ihre Macht mit dem Verbraucher oder mit der Community zu teilen. An erster Stelle nenne ich hier das Wetter. Das Wetter ist ein totaler Dinosaurier, es macht, was es will. Vergleich höchstens mit der deutschen Bahn oder der katholischen Kirche. Heute zum Beispiel ist Gewitter angesagt. Damit geht es schon los. Das Wetter fragt der Verbraucher erst gar nicht, ob er Gewitter wünscht, ob es ein Bedürfnis nach Gewitter gibt und ob der Verbraucher vielleicht bereit sein könnte, für ein naturbelassenes Bio-Gewitter an der Ladenkasse etwas mehr zu bezahlen.

Nein, das Wetter kündigt seine Pläne einfach in dürren Pressemitteilungen an. Selbst die Wetterberichte kommen von Third Party Anbietern. Wenn ein Wetter angekündigt ist, hat der Verbraucher zwei Möglichkeiten. Entweder er erklärt sich einverstanden oder er verlässt die Gegend, mit deren Wetter er nicht einverstanden ist. Dieser Mangel an Kundenorientierung hat Konzerne wie Karstadt und Microsoft an den Rad des Abgrunds getrieben.

Was abend noch schlimmer ist: Das Wetter hält sich selten an die eigenen Vorhersagen. Ein Unwetter kommt einfach nicht, ein Regen fällt wegen technischer Probleme komplett aus und gelöste Eintrittskarten behalten ihre Gültigkeit nicht bis zum nächsten Regen. Hey Wetter, so geht das nicht! Wetter, wir müssen reden! Es wird Zeit, dass Du Dich vernetzt und einen Blog betreibst. Und dann ist eine PR Strategie vonnöten, in der es darum geht, sich mit Verbraucherwünschen auseinanderzusetzen, die der eigenen Strategie widersprechen. Denn glaube mir, ich bin nicht allein. Wir sind viele. Und wir haben die Macht. Wenn der Verbraucher seine Stärke erkennt, wird auch das Wetter nicht mehr so weitermachen können wie bisher!

06. Juni 2011

Grenzdebile Liegende

Grenzdebil

Wenn man auf Twitter so eine ausgesuchte Timeline hat wie ich, ist man immer wieder ergriffen, wie klug manche Menschen sind und wie gut sie sich auszudrücken vermögen. Da braucht es einen starken Antrieb, sich in diesem Chor zu Wort zu melden. Zumal das Thema nicht weltbewegend ist (oder scheint, keiner weiß genau, was nun die Welt eigentlich bewegt.)

Doch letztendlich ist die Wut stärker. In diesem Fall die Wut auf eine bestimmte Art von Werbung, die offensichtlich von Autopiloten gestaltet wird und immer dann, wenn es um Internet, Webshop, SocialMedia geht, zur bildlichen Untermalung ihres Anliegens eine grenzdebil grinsende Tusse zeigt, die einen Laptop liegend bedient.

Das ist überhaupt nicht frauenverachtend gemeint. Ich mag Frauen, besonders mag ich Frauen, die mir erzählen, wie sie mit iPad auf der Couch herumlungern oder so ähnlich. Aber warum müssen sie in leeren Wohnung, auf Küchenfußböden, am Strand oder sonstwo auf dem Bauch liegend ihre Transaktionen tätigen? Und warum konzentrieren sie sich nicht auf denWebshop (ein falscher Click und die Kreditkarte wird belastet!), sondern grinsen in Richtung Kamera?

Das Fass zum Überlaufen brachte vor ein paar Wochen ein Versandkaufhaus, das eine auf einem Rasen liegende Dame zeigt, die sich per Laptop einen Laptop bestellt. Auf dem Rasen? Im Gras? Wo es feucht und sandig ist? Gehts noch? Oder sehe ich das zu eng?

Wie gesagt, nicht weltbewegend, aber mich hat es bewegt. Und dazu ist Bloggen doch da, dass man sowas nicht mehr seinem Friseur erzählen muss.

01. März 2011

Ich habe eine Taschenlampe gekauft.

Nix Besonderes, kein Laserpointer oder so. Eine Taschenlampe eben. Hat 5 Euro gekostet.

Die Bedienungsanleitung ist 4 Seiten lang. Besonders aufregend fand ich folgende Passage bei den Sicherheitshinweisen:

“Dieses Gerät ist nicht dafür bestimmt, durch Personen (einschließlich Kinder) mit eingeschränkten physischen, sensorischen oder geistigen Fähigkeiten oder mangels Erfahrung und/oder mangels Wissen benutzt zu werden, es sei denn, sie werden durch eine für ihre Sicherheit zuständige Person beaufsichtigt oder erhielten von ihr Abweisungen, wie das Gerät zu benutzen ist.”

Jetzt habe ich Probleme. Erstens weiß ich nicht, ob meine geistigen Fähigkeiten zum Betrieb einer Taschenlampe ausreichen. Und zweitens: Wo bekomme ich jetzt die nötige Erfahrung her, ohne die ich die Taschenlampe nicht benutzen darf? Gibts dafür Kurse? An der vhs?

25. Januar 2011