Trees from Trains.

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Wenn die Muse einen Künstler küsst, fühlt sich das nicht immer an wie ein Kuss. Manchmal eher wie eine Kopfnuss. Letzter Urlaubsabend. Harry ist unterwegs im Pendlerzug zurück zu seinem Quartier. Blauer Himmel, die Sonne schon im Westen, gleich geht sie unter. Harry hat einen Fensterplatz erdrängelt, um ihn herum müde Pendler, sitzend, stehend, die meisten schweigend. Harry hat die Kamera auf dem Schoß, auf der Fahrt will er noch ein paar Bilder machen, die Küste im Abendlicht. Aus dem fahrenden Zug zu knipsen ist nicht ideal, aber egal, es ist der letzte Abend, morgen um die Zeit wird er im Landeanflug auf zu Hause sein. Die Kopfnuss der Muse kriegt er ab, als er aus dem Fenster schaut. Die Scheibe ist völlig verkommen. Nicht nur verdreckt, offensichtlich von Wind und Salzwasser auch angegriffen und verwittert. Fotos, die man hier macht, sind völlig unbrauchbar. Man fotografiert nur für das kleine Papierkorbsymbol neben dem Bildschirm auf der Kamerarückseite.

Egal, denkt Harry, letzter Abend und digitale Fotos kosten nichts. Er will fotografieren. Harry betrachtet sich als Fotografen, und das hat er gelernt: Ein Fotograf fotografiert immer, auch wenn die Umstände nicht günstig sind. Für die Umstände sind andere zuständig, Gott, das Schicksal, das Universum, der Zufall, die Bahngesellschaft, wer auch immer. Sein Job ist jetzt, Fotos zu machen, später kann er sie alle in den digitalen Papierkorb verschieben.

Fotografieren. Er arbeitet nicht gern mit dem Sucher, lieber mit dem kleinen Bildschirm. Bild finden, fokussieren, abdrücken, am Bildschirm kontrollieren, und nochmal und nochmal. Im fahrenden Zug bleibt keine Zeit für Reflektion. Auch keine Zeit, um das perfekte Bild zu finden. Es ist mehr oder weniger Zufall, man arbeitet schnell und in dem Bewusstsein, dass man eigentlich nicht viel tun kann. Dieses Alles-Egal-Gefühl hat etwas sehr Befreiendes. Hier in diesem Zug kann Harry nichts falsch machen, es ist schon alles falsch, er kann nur auf den Auslöser drücken. Er merkt, wie viel Spaß ihm das macht. Es ist wie Liebe machen, wie Surfen oder so was, da hat die Reflektion auch keine Chance. Einfach nur Bilder, im Vorbeifahren geklickt.

Beim Blick auf den Bildschirm fällt ihm etwas auf. Die Bilder haben etwas. Schwer zu beschreiben, was das ist. Aber Harry verliebt sich ein bisschen in seine Bilder. Er sieht mehr in ihnen als nur einen Sonnenuntergang an der Küste. Das Verdorbene, das Unscharfe, die verwitterten Scheiben, das alles zusammen wirkt wie Kunst, zumindest in seinen Augen.

Ja, schießt es Harry durch den Kopf. Das ist Kunst. Ich mache gerade Kunst. Keine Urlaubsfotos, die jeder macht. Aufnahmen für ein Plakat, ein CD Cover. Oder so richtig für eine Galerie? Harry stellt sich seine Aufnahmen stark vergrößert an den Wänden der Galerie vor. Die Galerie liegt am Meer, Santa Monica zum Beispiel, Venice Beach. Harry war noch nie in Kalifornien, hat aber genaue Vorstellungen, wie es dort ist. Ein Premierenpublikum, eine aufgeregte Galeristin, Hollywood Stars sollen in gesichtet worden sein.

Die Vorstellung versetzt ihn in eine Art Rausch. Harry beginnt wie wild zu knipsen. Der Zug fährt, was er jetzt nicht auf den Chip kriegt, ist für immer verloren. Egal was die Kamera macht. Egal, was sie nicht kann. Kunst ist ja gerade das Unkontrollierte, das Unsichtbare zwischen den Pixeln. Klick, Blick auf den Bildschirm, Klick, Blick, Klick, Blick. Der Zug folgt schnell dem Gleis an Felsen und Stränden vorbei. Zwischen Villen und Casinos in den Badeorten hindurch, die wie auf einer Kette an der Küste aufgereiht sind. Silhouetten vor der untergehenden Sonne. Jede Zehntelsekunde ist entscheidend.

Harry bemerkt die Bäume auf seinen Fotos. Wie Urzeitriesen sehen die Palmen und Zypressen aus. Er will Bäume fotografieren. Unscharfe Bäume. Jetzt sieht er das Plakat für die Ausstellung in Venice Beach vor sich. „Trees from Trains“. Geniale Zeile. „Trees from Trains“. Darunter sein Name. Das Premierenpublikum drängelt sich wie eben die Pendler auf dem Bahnsteig. Die üblichen Fragen: Wie sind Sie gerade auf dieses Sujet gekommen? Was bedeutet es für Sie, Fotograf zu sein? Er wird sich noch Antworten überlegen müssen.

Die Sonne ist untergegangen, immer stärker spiegelt sich die Innenbeleuchtung der Zuges auf den Bildern, ein kalte Neonstange. Von Harry wird sie euphorisch begrüßt. Klar, das Unkontrollierbare erobert seine Bilder. Das muss so. Das ist bei großer Kunst immer so. Hinter die kalte Reflektion dringen. Die Power des Augenblicks.

Ältere Damen, ganz in Leder mit hochgesteckten Frisuren und gewagtem Lippenstift bewundern die riesigen Abzüge. Kunstkennerinnen eben. The Rich and the Beautiful. Mittendrin ein glücklicher Harry. Er. Harry. Fotograf. Anerkannter Fotograf. Die Vogue hat schon angerufen. Er steht da, völlig aufgelöst, ein echter Künstler. Er trinkt Champagner und plaudert mit zwei Frauen über die Inspiration und die Gabe, Kunst entstehen zu lassen.

Inzwischen ist es völlig dunkel, nichts ist zu sehen, nur das Innere des Zuges, die Neon-Leuchten. Fast alle Pendler sind ausgestiegen, als der Zug die Endstation erreicht. Es ist Herbst, kaum ist die Sonne weg, wird der Wind richtig kalt. Harry steht auf dem Bahnsteig, die Kamera immer noch in der Hand. Er fröstelt. Das Hochgefühl ist verschwunden, die Muse hat sich verabschiedet, nur die Daten auf der Speicherkarte sind noch da.

Jetzt muss er grinsen. Er war doch wirklich eine halbe Stunde lang ein weltberühmter Künstler. Kein schlechtes Urlaubserlebnis, ein geniales Gefühl. Das darf ihm gern noch einmal passieren, gern auch länger, und gern nicht nur in seiner Phantasie. Er steckt die Kamera weg und klappt den Kragen seiner Jacke hoch.

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PS: Der Text ist zwar zum großen Teil fiktiv, er beruht aber auf einer Erfahrung. Die Bilder dazu habe ich im Zug von Lissabon nach Cascais gemacht. Hier kann man sie ansehen.

26. Oktober 2016