Endlich ein Rezept in diesem Blog.

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Kürzlich habe ich bei einer Veranstaltung, bei der die meisten Gäste Bier tranken, eine Flasche Möhrensaft gewonnen. Nicht irgendeinen Möhrensaft wohlgemerkt, der von mir gewonnene ist ein hundertprozentiger Direktsaft aus samenfesten Sorten. Das Bild, das beim Lesen dieser Information in meinem Kopf entstand, war schwer genug wieder aus dem Kopf heraus zu bekommen.

Außerdem zeichnet sich der Saft durch  höchste Qualität aus, genauer gesagt durch eine bio-dynamische Qualität, komplett mit Bindestrich und allem. Die wichtigste, wenn auch eher weniger überraschende Information ist: Der Saft wurde aus Möhren gewonnen, was bei einem Möhrensaft sicher nicht selbstverständlich ist. Genauer: Er ist aus feldfrischen Möhren. Hier denke ich sehnsuchtsvoll daran, dass früher alles besser war, da waren frische Lebensmittel einfach nur frisch. Heute sind sie feldfrisch, gartenfrisch, ofenfrisch, küchenfrisch, knastfrisch, friedhofsfrisch oder fabrikfrisch, je nachdem, wo sie herkommen. Na egal, jedenfalls habe ich mich bedankt und den Gewinn in den Kühlschrank gestellt.

Heute ist der Zeitpunkt gekommen, den Inhalt zu probieren. Was soll ich sagen, für einen Menschen, der vor allem Produkte aus dem Hause Coca Cola zu sich nimmt, ist der Geschmack gewöhnungsbedürftig. Leider ist es auch ein Geschmack, an den ich mich gar nicht erst gewöhnen will. Ich beschließe, den Saft mit etwas anderem zu mischen, um ihn aufzuheitern.

Der erste Versuch, ein Cocktail aus Möhrensaft, Heidelbeersirup und Mineralwasser, kann meine verwöhnten Geschmacksknospen nicht hinter dem Ofen hervorlocken.

Der zweite Versuch dagegen hat mich sofort begeistert. Hier das Rezept:

In 300 ml Möhrensaft aus feldfrischen Möhren verrühren wir drei Esslöffel Grillsenf mit Currygeschmack. Kühl servieren und sofort auf Ex trinken. Ein pikanter Genuss, den Sie Ihren Nachbarn bei der nächsten Grillparty auf keinen Fall vorenthalten sollten.

19. Juni 2014

Glücklich auf der Cuxhavener Straße.

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Vor ein paar Tagen hatte ich einen Glücksmoment, an den ich mich jetzt noch gern erinnere. Ein sonniger Sonntag-Vormittag, ich radelte gemächlich die Cuxhavener Straße in Harburg entlang. Es war ziemlich still, man konnte die Vögel zwitschern hören. Hier sollte ich kurz allen Ortsfremden erklären, dass die Cuxhavener Straße eine breite Ausfallstraße mit Autobahnzubringer, Schwerlastverkehr und Dauerstau ist, auf der man oft sein eigenes Wort nicht versteht. Anders an diesem Sonntag, da standen sogar Leute auf ihren Balkons und winkten mir fröhlich zu.

Vor mir, neben mir, hinter mir und mit mir waren einige tausend Radfahrer auf dieser Straße unterwegs. Unser gemütliches Radeln nennt sich „Sternfahrt“ und ist eine Art Pedal-Demonstration für eine fahrradfreundliche Verkehrpolitik. Das war es aber nicht, was mir die Glücksgefühle verschaffte.

Ich genoss die Stille und die Freundlichkeit, mit der sich unser riesiger Schwarm von Fahrrädern aller Art durch den Harburger Morgen bewegte. Das wäre doch was, wenn überall in Hamburg auf drei Fahrspuren Pedaltreter unterwegs wären und am Rand gäbe es noch eine enge Spur, die „Autoweg“ oder „Autoschutzzone“ genannt wird.

Wenn man zu so vielen auf der breiten Straße unterwegs ist, fühlt man sich ziemlich besonders. Es ist eine Umkehr der Macht. Diese typische Demo-Erfahrung „wir sind viele“, und dazu kommt das Gefühl, das man als Kind hatte, wenn man irgendwo war, wo man als Kind eigentlich nicht hindurfte, zum Beispiel ins Lehrerzimmer.

Radfahrer werden in der Verkehrsplanung lieblos behandelt. Für sie gibt es keine Großbauten, keine Autobahnkilometer. Stattdessen Radwege, die manchmal im Nichts enden – und die Schilder „Radfahrer absteigen“.! Man kommt sich oft unwichtig vor. Erst bei der Sternfahrt habe ich gemerkt, was für eine Wut ich oft im Bauch habe, wenn ich mit dem Rad in der Stadt unterwegs bin.

Ich will jetzt nicht über Verkehrspolitik, Autowahn und so weiter schreiben, das machen andere viel besser. Ich will meine Leser nur ermuntern, mitzufahren, wenn es wieder eine solche Gelegenheit gibt. Was den Traum von den großen Straßen für Radler angeht: Seit dem Fall der Berliner Mauer halte ich ja nur sehr wenig für völlig unmöglich.

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18. Juni 2014

Faslam hinter dem Deich.

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Letzten Sonntag, am Tag nach meinem Besuch beim Karneval in Bremen, habe ich mich aufs Rad gesetzt und bin ein bisschen an der Elbe entlang gefahren. Dass ich dabei in den Faslam von Fliegenberg hinein gestolpert bin, das war reiner Zufall. Bei Sonnenschein, zum Teil eisigen Temperaturen und scharfem Wind machte sich dort ein Karnevalszug auf den Weg, der nicht von schlechten Eltern war. Karnevalshits vom Band dröhnten, die Dorfjugend und ein paar ältere Semester tanzten. Die Zuschauer wurden eifrig mit Schnaps versorgt. Fast jeder im Umzug hatte eine offene Flasche in der Hand. Viele am Straßenrand Stehende hatten kleine Gläser an einer Schnur um den Hals hängen und ließen sich gern einen einschenken. Ich denke mal, da war nicht nur der Himmel blau.

Wer „Fleisch ist mein Gemüse“ gesehen hat, weiß, wie man im Norden feiert. Der Umzug hätte als Fortsetzung des Films vielleicht einen Oscar bekommen.

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25. Februar 2014

Heimat der Scheibletten.

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Fasching, das war für uns in Berlin Heranwachsende etwas äußerst Merkwürdiges. Man guckte mit den Eltern die Rosenmontagszüge und glaubte, Rituale ferner Völker zu sehen. Ich weiß noch, wie ich die Pappmaché Figuren und Bonbons werfenden Prinzen mit weniger Verständnis betrachtete als heute ein Linguistikprofessor für das Dschungelcamp übrig haben mag. Später als Erwachsener war ich wie viele Berliner überzeugt: Fasching ist nur was für den Kindergarten. Das kann man im Norden nicht feiern, dazu sind wir einfach zu protestantisch.

Die Zeiten haben sich geändert. Inzwischen sind wir so multikulti, dass wir Halloween feiern und das chinesische Neue Jahr begrüßen. Jeder darf sich die Traditionen aneignen, die er spannend findet, ob es das Zuckerfest ist, das Tomatenfest oder das Pfirsichfest, um nur einige zu nennen. Wo nicht genug Traditionen zum Feiern vorhanden sind, schaffen wir uns selbst welche wie die berühmte Gemüseschlacht zwischen Kreuzberg und Friedrichshain.

In einem solchen Umfeld kann man auch locker Fasching feiern. So durfte ich am Samstag den Bremer Karneval erleben, der dieses Jahr unter dem Motto „Heimat“ stattfand. Ein Festzug aus über sechzig Sambagruppen trommelte sich durch die Innenstadt und das Ostertorviertel. Das Publikum feierte vielleicht nicht ganz so ausgelassen wie anderswo, sondern überließ das Feiern lieber denen, die was davon verstehen, den Trommlern und Tänzern in ihren bunten Kostümen. Dennoch war die Stimmung prima, und die eine oder andere Hüfte habe ich sehr wohl leicht schwingen sehen, keine Frage.

Die Überschrift meines heutigen Blogpost habe ich einem Transparent entnommen, das eine eher punkig gekleidete Gruppe mit sich führt und das auf das hier anspielt.

(Wie es der Zufall will, bin ich am Tag danach in den Faslam in Fliegenberg gestolpert, davon erzähle ich morgen.)

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24. Februar 2014

Im Streit getrennt!

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Eben hat mich mein Drucker verlassen. Besser gesagt, wir haben uns im Streit getrennt. Letzte Woche habe ich ihm sogar noch eine neue schwarze Patrone gekauft, gestern hat er noch fleißig gedruckt und seitdem ist nix passiert, ich habe ihn nicht mal berührt. Nur die Sonne ist einmal untergegangen und dann wieder aufgegangen. Heute morgen blinkt der Drucker wild in der Gegend herum, wie ein Kind, das sich unbedingt die Aufmerksamkeit seiner Eltern erhaschen will. Ich sehe in verchiedenen Internet-Foren nach. „Unknown printer error“, aha. Soweit war ich vorher auch schon, ein zumindest mir unbekannter Druckerfehler. Und ich möge den Drucker zu seinem Fachhändler bringen. Dazu fehlt mir jede Lust.

Dazu kommt, dass viele User meinen, der Hersteller habe diesen unbekannten Druckerfehler eingebaut, damit wir alle mal brav unsere Drucker zurück in den Elektronik-Markt bringen, um sie reparieren zu lassen. Dort haben die findigen Verkäufer die Chance, zu sagen, was sie immer sagen: „Reparatur? Das kann teuer werden, aber hier haben wir das, was Sie suchen, im Sonderangebot!“ Dabei fehlt dem armen Tintenstrahler wahrscheinlich gar nichts, außer dass sein Schöpfer festgelegt hat, dass es nun mal genug ist.

Gibt es das eigentlich nur bei Druckern? Oder vielleicht auch …. na zum Beispiel in unseren Beziehungen? Dein Partner ist abgelaufen. Nein, ihm fehlt nichts, aber seine Zeit ist eben vorbei, das kann ja nicht ewig halten. Reparatur lohnt nicht, aber hier haben wir gerade ein Sonderangebot, das Du nicht ablehnen kannst. Ich weiß nicht – ich glaube, ich bin zu alt für diese Scheiße!

18. November 2013

Apple Country

Manchmal muss man den Schreibtisch verlassen und dafür sorgen, dass wieder frische Luft an die grauen Zellen kommt – deshalb war ich neulich in Jork. Mit Öffentlichen kommt man dahin, wenn man von Hamburg aus die S-Bahn nach Neugraben nimmt und dort in einen Bus steigt, der aber nur alle zwei Stunden fährt. Es ist eine richtige kleine Reise, die nur eine gute Stunde dauert. Doch mit etwas Phantasie kommen Urlaubsgefühle auf. Der Bus fährt durch Apfelplantagen an stolzen Bauernhäusern vorbei, alle aus Fachwerk, und die Balken müssen weiß gestrichen sein. In manchen Höfen wohnen Prominente oder einfach reiche Leute. Andere sind als Erlebnisbauernhöfe rund um das Thema Äpfel konzipiert. Da gibt es außer Äpfeln noch Apfelkuchen, Apfelsaft, Cidre, Apfelkompott, Apfelgelee, Apfelwein, Apfelbrand, Apfelfeste und was einem sonst noch so einfallen mag.

Jork ist nämlich so etwas wie das Cupertino von Norddeutschland, der Ort, den jeder mit Äpfeln verbindet. Es liegt im Alten Land, einem der wichtigsten Obstanbaugebiete hier in der Gegend und überhaupt, glaube ich zumindest. Obst hat die Jorker wohl seit Jahrhunderten ganz gut ernährt, hier sieht alles proper und wohlhabend aus. Jeder, der auf sich hält, hat ein schmuckes Fachwerkhaus aus Klinkern mit weißen Balken, der Anwalt, der Buchladen, das Hotel und auch der örtliche Supermarkt. Leider hat ausgerechnet die Sparkasse kein Fachwerkhaus abbekommen und muss in einer Art Parkhaus residieren. Dafür steht dieses hässliche Gebäude dort, wo Gotthold Ephraim Lessing getraut wurde, bevor es dort die Sparkasse gab.

Wenn man durch Jork bummelt, vergisst man nie, dass hier das Glück auf Äpfel gebaut ist. Man spürt geradezu, wie die Marketingberater den Ratsmitgliedern empfohlen haben, sich auf eine Kernbotschaft zu konzentrieren. Äpfel, das ist es! In der Tourist-Infomation kann man sogar in großen Äpfeln sitzen und warten, bis man dran ist. Im örtlichen Supermarkt – dem mit dem weißen Fachwerk – liegen zwar jede Menge frische Äpfel in der Auslage, doch die kommen heute aus Neuseeland, Südafrika und Südtirol.

29. August 2013

R.I.P.

Wolfgang Herrndorf am 5.5.2007  um 22:05 Uhr in Berlin-Kreuzberg.

28. August 2013

Ein vorsorglicher Nachruf auf Zweitausendeins.

Vor ein paar Tagen war ich wieder einmal bei Zweitausendeins in Frankfurt und habe in Ruhe den kleinen Laden durchstöbert. Das ist eine Tätigkeit, der ich seit vielen Jahren regelmäßig und voll konzentriert nachgehe, sie kommt einer heiligen Handlung nahe.

Weil ich heute nicht mehr davon ausgehen kann, dass jeder Zweitausendeins kennt und die Faszination versteht, die von diesen Geschäften ausgeht, hier eine kurze Erklärung: Das Unternehmen Zweitausendeins heißt nach dem Film und existiert seit 1969. Es hat sich sehr erfolgreich darauf spezialisiert, Restauflagen interessanter Bücher aufzukaufen und im Versand zu sehr günstigen Preisen anzubieten. Am Anfang tat man das mit Anzeigen in Zeitschriften, später mit Hilfe eines Katalogs, der schon immer „Merkheft“ genannt wurde und selbst ein Kultobjekt ist.

Entscheidend für den Erfolg des Resteverwerters war zuerst der Riecher, genau die Sachen anzubieten, für die sich zwar nicht die Mehrheit der Deutschen interessierten, dafür aber die Kultur-Elite der Stammkunden. Dazu kam, dass in Anzeigen und Merkheft mit intelligenten und witzigen Texten geworben wurde, die jedes Mal größte Lust auf die beworbenen Produkte erzeugten. Tausende von Textern lernten hier, was intelligente Katalogtexte sind. So gelang es Zweitausendeins, seine Kunden soweit zu erziehen, dass sie vieles unbesehen kauften. Wenn ein Buch dort angeboten wurde, musste es irgendwie gut sein.

Später kamen Platten und CDs dazu, ebenso wie Videos, DVDs – und nicht zuletzt die Filialen, in denen man alles Probelesen konnte. Außerdem mauserte sich der Resteverwerter zum Verleger und brachte Vieles auf den Markt, was heute längst Klassikerstatus hat. Die Texte von Bob Dylan habe ich hier gekauft, die Zeichnungen von Escher und Beardsley, den ganzen Unsinn der Frankfurter Schule, Wenders Filme in Buchform (vor Erfindung der Videokassette), Gedichte von Bukowski, Nachdrucke der legendären Zeitschrift Kursbuch, na und so weiter. Mein Verständnis von Kultur, Gegenkultur und davon, was sich zu lesen lohnt, ist durch die Tipps aus dem Merkheft sehr stark geprägt worden. Ohne dieses kleine Heft wäre ich wohl wesentlich unbelesener geblieben und mein Leben hätte einiger Höhepunkte entbehrt.

Dass die Damen und Herren, die man in den Filialen trifft, immer älter werden, habe ich schon länger beobachtet. Es hätte mich weniger überrascht, wenn ich öfter in den Spiegel gucken würde, den im Badezimmer meine ich. Inzwischen kriselt es bei meinem Lieblings-Kulturhändler. Klar, man versucht, neue Wege zu gehen. Aber wie lange wird das wohl noch gut gehen, wenn alle bei Amazon kaufen und immer mehr Bücher on Demand gedruckt werden oder gleich als eBooks erscheinen? Wenn es um Tonträger und Filme geht, denkt man heute wohl zuerst an iTunes und dann daran, dass Töne längst keine Träger mehr brauchen.

Um es mit dem weisen Indianer zu sagen: Erst wenn das letzte Buch verramscht ist, der letzte CD-Spieler seinen Geist aufgegeben hat und die letzte Zweitausendeins-Filiale in ein Geschäft für Outdoormode verwandelt worden ist, werdet Ihr merken, dass Euch ohne Merkheft leider einiges entgeht.

PS: Aber soweit ist es noch nicht. Das aktuelle Programm findet man unter www.zweitausendeins.de

PPS: (18.10.2013) Heute stand in der Süddeutschen ein richtiger Nachruf. Schade! Auch lesenswert.

07. August 2013

Essen in der Zeitmaschine.

Wenn ich mal Pause brauche von der modernen Welt voller digitaler Boheme, Gangnam Style und allgegenwärtigen Smartphones, dann gehe ich zu Karstadt. Genauer gesagt, ich besuche den „Erfrischungsraum“ bei Karstadt. Der nennt sich seit kurzem “Restaurant & Café”, ist aber natürlich weder ein Restaurant noch ein Café, sondern immer noch derselbe Erfrischungsraum wie vor der Jahrtausendwende, vor der Wiedervereinigung, vielleicht auch vor der Erfindung der Eisenbahn, wer weiß das schon.

Ja, ich mag Dinge, die sich nicht ändern. In einer Welt, die komplett durcheventisiert ist und wo ununterbrochen alles neu erfunden wird, braucht der Mensch eine Art Heimat. Damit meine ich einen Ort, an dem alles bleibt wie es schon immer war. Manche Menschen lesen aus diesem Grund „Neues Deutschland“, ich bevorzuge den Erfrischungsraum einer verschlafenen Karstadt-Filiale. Die Speiseauswahl an der Kantinen-Theke ist streng deutsch, es gibt Kohlrouladen, Jägerschnitzel, Nudeln und Currywurst. Selbst die Asiapfanne ist ein rein deutsches Gericht.

Beonders beliebt ist das Beilagenbuffet mit Bratkartoffeln, Brokkoli, Auflauf und allerlei Undefinierbarem, das nicht sehr frisch aussieht. Ich frage mich, ob es eigentlich Altersheime für Lebensmittel gibt, das Buffet könnte gut eines sein.

Die Dame an der Kasse sieht extrem alleinerziehend aus und wünscht mir nach dem Bezahlvorgang derart verzweifelt „einen schönen Tach noch“, dass ich mich unwillkürlich an einen Obdachlosenzeitungsverkäufer erinnert fühle. So gern ich hier bin, so ungern möchte ich im Erfrischungsraum arbeiten. Ich brauche die Gewissheit, jederzeit fliehen zu können.

Der Gastraum hat die Atmosphäre einer Betriebskantine der frühen Siebziger konserviert, man will sofort Schlagermove feiern. Die Menschen, die hier ihre Kohlroulade genießen, sind meist älter und vergleichsweise preiswert gekleidet. Vor allem wollen sie nichts darstellen, und das finde ich so erfrischend. Wer hier isst, will nicht sehen und gesehen werden. Hier wird das Essen nicht fotografiert und getwittert, hier checkt keiner bei 4square ein, die Smartphonedichte leigt bei gefühlten null Prozent. Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein.

Die Currywurst vor mir auf dem Teller ist nicht vom Weideschwein, sie ist nicht ungebrüht und naturdarmbelassen. Kein Fernsehkoch hat sie abgeschmeckt. Dafür gab es sie schon, als Tim Mälzer noch im Kindergarten seinen Teller nicht leer gegessen hat. Mir schmeckt diese Wurst nicht mal so schlecht, vielleicht hat das mit meinen Erinnerungen zu tun.

Könnten wir nicht eine Initiative starten, dass der ganzen Erfrischungsraum komplett zu Manufaktum übersiedelt?

Kleiner Tipp für Erfrischungsraum-Entdecker: Suchen Sie sich ein Kaufhaus weitab vom Schuss. Berlin Tempelhof etwa, Hamburg-Harburg oder Goslar sind sehr gut geeignet. Die beste Zeit ist so um 16 Uhr, wenn Sie unverfälschteTristesse erleben wollen. Viel Spaß!

16. April 2013

Immer Stress mit der Muße.

Den größten Stress letzte Woche hatte ich mit dieser Muße. Meine Frau Inge sagt, das ist jetzt das ganz heiße Ding der Saison, so Müßiggang eben. Die Nachbarn links reden schon die ganze Zeit davon, und die rechts fangen jetzt auch damit an. Meine Frau und ich, wir sind ja die Trendsetter in der Siedlung. Wir hatten den ersten Flachbildschirm und einen Gartenbuddha hatten wir auch als Erste. Ich weiß noch, was die Nachbarn damals gesagt haben, Chinesenkopp haben sie den Buddha genannt. Heute kann man solche Dinger bei Poco Domäne palettenweise kaufen.

Ist klar, dass wir die Muße haben müssen. Also fahren wir beide sofort los in die Shopping Arkaden. Aber Muße gibt’s da nicht, hat keiner vorrätig. Da erst haben wir gelernt, das ist nichts, was man kaufen kann, das fühlt man. Inge hat diese ganze Muße später mit der Britta Schneider besprochen. Die Schneiders wissen nämlich auch immer genau, was so im Trend liegt, weil die Britta Lifestyle macht für die Frauenpresse. Britta sagt also, das ist, wenn man gar nichts tut. Das wollen wir unbedingt ausprobieren und so verabreden wir uns zur Muße am Freitagabend bei Schneiders auf dem Sofa. Ich besorge so Knabberzeugs und ein gutes Tröpfchen Wein, aber meine Frau sagt, Muße ist nicht mit Wein, sondern dazu ist Tee nötig. Aber auch kein normaler, sondern so ein grüner Tee aus Asien. Ich düse also noch fix in die Stadt und hole diesen Tee. Ist natürlich wieder der Megastau, aber ich hupe mich so durch, bis die lahmen Ärsche mir Platz machen. Wir sind dann eine halbe Stunde zu spät bei Britta und Peter. Sie kocht noch den Tee und tut das Knabberzeugs in kleine Schälchen. Beides wird nett dekoriert auf den Couchtisch gestellt, und schon gehts los mit unserer Mußestunde. Wir sitzen alle auf dem Sofa. Es dauert ein paar Minuten, bis jeder seine Position gefunden hat, ich muss auch den Gürtel öffnen. Britta meint, wir sollten einfach nichts tun und das Leben genießen. Ehrlich gesagt, ist das nicht so einfach, wie es klingt. Ich sehe an die Decke und stelle fest, dass Schneiders ruhig mal renovieren könnten, in einer Ecke gibt es Spinnweben. Ich finde es merkwürdig, dass sie auf sowas nicht achten. Aber das ist natürlich deren Sache.

Nach zwei Minuten Muße sagt Britta, sie fühle sich schon viel entspannter, sie sei komplett voller Muße. Sofort fährt Peter ihr ins Wort, dass das wohl keine Muße ist, wenn sie redet wie ein Wasserfall. Sie guckt wie ein verwundetes Reh und ist wieder ruhig. Wir vier müßiggehen so vor uns hin und genießen das Leben. Ich langweile mich ein bisschen. Soweit ich das verstanden habe, ist das aber der tiefere Sinn von dieser Muße. Es geht um das Loslassen und fühlt sich an wie eine Luxuslangeweile. Inge wippt mit ihrem Fuß. Ich würde jetzt gern was knabbern, weiß aber nicht, ob das erlaubt ist. Verstohlen sehe ich mich um.

Da platzt plötzlich aus der Britta ein richtiger Wortwasserfall heraus. Sie sagt, sie hat letzte Woche auf dem Markt Biofleisch gekauft, aber das hat überhaupt nicht nach Bio geschmeckt, ganz im Gegenteil, eher so nach Spanplatte, und jetzt glaubt sie, das könnte ein Fleischskandal sein, sie wollte sofort zur Polizei, ist dann aber doch nicht hin gegangen, weil ihr das zu blöde war, mit einem angebissenen Kotelett auf der Wache in der Schlange stehen. Peter und ich zischen Britta an, sie soll Ruhe geben, wir sind gerade richtig drin in der Langeweile. Ich habe eben gemütlich darüber nachgedacht, dass ich für meine Modellbahn im Keller lieber ein paar Nadelbäume kaufen will als noch eine Telefonzelle. Telefonzellen sind ja ziemlich out, seit alle Leute Handys haben. Ich glaube, was Modellbahnen angeht, sind eher Nadelbäume im Trend, schon mal wegen der Nachhaltigkeit und der ökologischen Bedeutung des Waldes.

Britta wird jetzt richtig böse. Inge meint sowieso, in deren Ehe steht auch nicht mehr alles zum Besten und der Peter lässt sich von seiner Frau herumkommandieren. Jedenfalls beklagt sich Britta jetzt richtig laut, sie allein habe das Muße-Buch gekauft, sie habe das Haus geputzt und den dusseligen Tee habe sie auch gekocht, ohne dass jemand ihr geholfen hat. Da habe sie doch verdammt noch mal das Recht auf ein bisschen Muße auf ihre Weise. Sie könne sich nun mal am besten entspannen, wenn sie dabei ein paar Worte loslasse. Irgendwie sind wir nach dem Ausbruch alle etwas irritiert und wissen nicht, ob wir alles richtig gemacht haben. Ich nehme mir ein paar Cracker. Peter sagt noch, Golf spielen gefällt ihm irgendwie besser, da kann er wenigstens was tun, während er sich entspannt, und Punkte gibts da auch. Schließlich will man ja wissen, wer gewonnen hat, wozu sonst spielen.

Wir fahren nach Hause. Ich sage, der Abend war wohl ein Reinfall, aber meine Frau meint, überhaupt nicht, weil wir jetzt mitreden können, wenn es um die Muße geht. Inge sagt, sie hat eindeutig gelernt, dass Muße mehr so für den Asiaten geeignet ist. Diese Reisbauern sind die Langeweile irgendwie besser gewöhnt. In unseren Breitengraden dagegen sind wir eben Tatmenschen, und deshalb kann zu viel Muße uns ganz leicht krank machen.

02. November 2012