Berliner Tor

Hamburger,
wenn Du es schön haben willst,
geh an die Elbe.

Wenn Du feiern willst und dahin kotzen,
wo die anderen auch schon hingekotzt haben,
mach Dich auf zur Reeperbahn.

Wenn Du auf reiche Leute mit großen Tüten stehst,
ist der Jungfernstieg das ideale Ziel.

Doch willst Du Hamburg erleben,
die Stadt und ihre Menschen,
zieh‘ Dir einen Abend rein
im S-Bahnhof Berliner Tor.

Wenn ganz Hamburg saniert, renoviert,
rasiert und auf Hochglanz poliert wird,
hier ist noch alles beim Alten,
Möwenscheiße auf dem Boden,
Spinnweben an der Decke,
nichts glänzt, aber manches riecht
am Umsteige-Knoten im Schatten der Stadt.

Du triffst Menschen aus der ganzen Welt,
die eines gemeinsam haben,
die Plastiktüten von Real.

Du siehst heranwachsende Kinder
mit selbstgebastelten Handkarren
riesige Säcke voller Reis
die Treppen hinauf und hinunter wuchten.

Du kannst bei Empire of Döner und Bäckerei,
ich liebe ja diesen Namen, also noch mal:
Bei Empire of Döner und Bäckerei
kannst Du Dich lecker satt machen,
während nebenan die Tagelöhner
von den weiten Steppen des Ostens
ihrer Leber geben, wonach sie verlangt.

Einer von ihnen wird später auf den Gleisen landen,
Rettungswageneinsatz,
Zugverkehr bis auf Weiteres unterbrochen …
bitten wir um Entschuldigung.

Du triffst total überdrehte Schulklassen
aus Orten wie Gifhorn oder Barsinghausen
auf dem Weg vom Hostel, na wohin denn?
Richtig, zur Reeperbahn, begleitet von müden Lehrern.

Merke:
Wer im Januar Mini trägt, einen auf cool macht,
der will auf jeden Fall zur Reeperbahn.
Vorher noch am Berliner Tor
eine Bierflasche exen,
auf dem Boden zerschmettern
und davon ein Selfie machen,
auf Instagram stellen,
Bildunterschrift „Keep it Real, Bruder!“

Menschen, die von leeren Flaschen leben,
schleichen vorbei,
stochern mit ihren Taschenlampen
in die Papierkörbe.

Putzfrauen mit rissigen Händen
sprechen brasilianisch
und schütteln sich laut vor Lachen.

Eine Gruppe muskulöser Männer in T-Shirts,
jeder die Flasche in der Hand
sehen sich ratlos um,
und bevor sie fragen können,
sagst du „Reeperbahn? This way!“
und dann schickst du sie nach Bergedorf,
aber nur wenn sie Dir zu doof sind.

Sportliche Jungs mit großen Taschen,
irgendwo in der Nähe gibt es Boxunterricht.

Der Mann von vorhin
liegt inzwischen auf dem Gleis und schläft.
Jetzt schnell den Notfall Knopf drücken.
Deine gute Tat für heute.
Der Zugverkehr auf unbestimmte Zeit unterbrochen.
Für entstandene Unannehmlichkeiten
bitten wir um Entschuldigung!

Der dicke Imam wartet wie jeden Abend
auf den Bus nach Rothenburgsort.

Auf sechs Spuren heulen und röhren
nervöse BMWs ihre Feierabend-Rennen,
während warnbewestete Arbeiter eine Bahnbrücke bauen.

Berliner Tor, das wahre Hamburg für mich,
das ist nicht für jeden, das steht nicht im Reiseführer,
taucht nicht auf in den Listen von mit Vergnügen.

Am U-Bahn Eingang wird gefeiert,
hoch die Tassen mit Gesang,
hier brauchst du keine Gästeliste,
wenn du nach Urin riechst gehörst du dazu.

Die Frau,
die auch nachts eine Sonnenbrille trägt,
sucht nach Pfandflaschen.

Rollen Skateboards im Gang über den Gleisen,
sechs dünne junge Männer
und lauter als ein Zug mit fünfzig Containern.

Vor dem Empire of Döner eine Schlange
United Nations of Empire of Döner,
alle Hautfarben außer blau und grün,
Abendkleid oder dreckige Arbeitskleidung,
einer hat zwei Eimer Wandfarbe dabei,
ein anderer eine Gitarre.

Auf den Stufen chillst Du mit Jacky Cola
und siehst eine schwarze Hochzeitsgesellschaft
in bunten Seidengewändern,
Anzug mit Weste, weißem Hemd und Krawatte.

Und der nächste Flaschensammler.

Ein paar böse Jungs treffen ein paar ganz böse Jungs,
Geschrei und Polizei,
auf unbestimmte Zeit unterbrochen,
für entstandene Unannehmlichkeiten …

Quietschende Rolltreppe
klingt wie Möwengeschrei.

Touristen umklammern ihre Rollkoffer,
Angst wie in der Dritten Welt,
plötzlich fangen alle an zu rennen,
Treppe runter, Rolltreppe hoch,
die S21 Richtung Bergedorf kommt,

Ein Mann kontrolliert die Automaten
nach vergessenem Kleingeld.

Einer, der nur eine Hose trägt
und Blut im Gesicht,
brüllt die Wand an.
Die Wand bleibt stumm.

Ja, und ich hole den Stift raus.
Weil: Berliner Tor,
das wäre doch mal was für den Poetry Slam.

08. Juni 2018

Mein Senf zu: Avenidas und Bewunderer

Avenida da Liberdade, Lisboa

Hier ist mein Senf zur der Gedichtübersteichung. Ich habe nämlich gemerkt, dass ich mich auch persönlich angegriffen fühle. Nun gebe ich nicht viel auf das, was Hochschulen über Kunst herausfinden. Aber das Gedicht auf der Hauswand zu streichen ist schon ziemlich krass, um nicht zu sagen dreist.

Die Avenida da Liberdade in Lissabon, die alle nur „Avenida“ nennen, ist ein beeindruckende Straße. Ich mag sie sehr. Ja, in den Gebäuden sind hauptsächlich Banken, Luxushotels und Filialen der teuren Modeketten. Ja, auf den inneren Fahrspuren tummelt sich eine Menge Verkehr. Aber da sind die grünen Flächen zwischen den inneren Fahrspuren und den äußeren. Hier befinden sich richtige kleine Parks mit exotischen Bäumen und Blumenbeeten, in denen man im Dezember Weihnachtssterne und Alpenveilchen bewundern kann. Es gibt Statuen, kleine Teiche und viele sehr gemütliche Parkbänke. Das Schönste sind die kleinen Kioske mit ein paar Tischen davor, kleine Cafés unter freiem Himmel.

Ich war in der Silvesternacht 2016/17 in Lissabon. Auf dem großen Platz am Fluss sollte es ein Konzert geben und Feuerwerk um Mitternacht. So bin ich gegen 21 Uhr aufgebrochen und durch die Stadt zum Fluss geschlendert, ein großes Stück davon auf der Avenida. Die war festlich geschmückt mit Lichtern, die aus den Bäumen zu regnen schienen. Dazu: Keine Böller, eine festliche Stimmung wie am Heiligabend.

An einem der Kioske war eine Tanzfläche mit bunten Lämpchen geschmückt, ein DJ spielte Latin-Musik, Salsa, Tango … Viele Paare in Abendkleidung tanzten unter freiem Himmel in das Neue Jahr hinein. Das war wunderschön und für die Augen eines Nordeuropäers ein sehr ungewöhnlicher Anblick. Ich habe mich eine Weile auf eine Bank gesetzt und dem Treiben zugesehen. Natürlich habe ich die tanzenden Frauen bewundert, ihre Anmut, die schönen Abendkleider aus glitzernden Stoffen, und überhaupt den Tanz.

An diese Szene habe ich mich erinnert, als ich das Gedicht auf der Hauswand gesehen habe. Deshalb habe ich mich angegriffen gefühlt, weil ich natürlich ein Bewunderer war, der natürlich auch die Blicke auf die schönen Frauen mit ihren Tanzpartnern ruhen ließ.

Was mich an der Diskussion vor allem stört, ist, dass es dabei offensichtlich nur um Argumente geht, und um Beleidigungen. Dabei besteht Lyrik, Literatur, Kunst ganz allgemein vor allem aus Bildern, die Emotionen hervorrufen. Ich für meinen Teil mag Literatur, die mich trifft, mehr im Bauch als im Kopf. Texte, die sich mir nicht nur über den Verstand erschließen. Das Gedicht über die Avenidas, die Frauen und den Bewunderer tut das für mich. In ihm habe ich für einen Moment etwas über mich erfahren, das mir gefallen hat.

Ja, diese unselige Diskussion: Jeder hat eine Meinung zum Gedicht. Doch kaum jemand hat versucht, es zu begreifen, sich seiner Faszination auszuliefern.

Das allerdings kommt mir aus meinem Studium bekannt vor. Damals, in den 80igern hat man bei den Germanisten mehr über die politische Einstellung eines Autors als über die Faszination seiner Werke gesprochen. Deshalb halte ich mich seitdem von Hochschulen fern. Sollen sie doch ihre Wände streichen, wie sie wollen, meinetwegen.

(Das Bild zeigt die Avenida da Liberdade, aber nicht genau die beschriebene Situation.)

(Kommentare kann man bei Facebook hinterlassen.)

26. Januar 2018

Ein Katzensprung.

Im Winter 2017/18 bin ich mit der Bahn von Lissabon nach Porto gefahren. Für den Rückweg ein paar Tage später habe ich mir einen Inlandsflug mit der portugiesischen TAP geleistet, die mit der Lufthansa kooperiert. Ich habe meine Erlebnisse hier aufgeschrieben, weil sie einen einfachen Vergleich zwischen Bahn und Flugzeug erlauben, ohne Missstände bei der Deutschen Bahn etc. in den Blick zu nehmen.

Gestartet bin ich im Lissabonner Bahnhof Santa Apolónia. Ein angenehmer kleiner Kopfbahnhof mit Metro-Anbindung. Der Zug sollte um 11:30 fahren, also war ich um 11 Uhr am Bahnhof, habe mir eine Flasche Orangensaft gekauft und bin in den bereitgestellten Zug eingestiegen. In Portugal ist die Bahn nicht so teuer, also habe ich mir die Erste Klasse geleistet. Großraumwagen, Reservierungspflicht, ich hatte einen Einzelsitz. Mit mir im Wagen fuhren hauptsächlich ältere Damen und Rentnerpaare, aber auch zwei Mütter mit Säuglingen, die angenehm ruhig und schläfrig waren. Die Fahrt nach Porto sollte 3 Stunden dauern, mit Verspätung waren es dann knapp 3 1/2 Stunden. Am Bahnhof Porto Campanha bin ich in die Metro umgestiegen und zu meinem Hotel gefahren.

Mein Rückflug ging ab Porto um 12:10. Kurz nach 8 habe ich mich vom Hotel aus auf den Weg gemacht. Die Metro zum Airport fuhr nur alle 30 Minuten, die Fahrt dauerte über 40 Minuten. Ab Stadtmitte wurde der Zug so voll, dass die meisten Fahrgäste stehen mussten und es ein ziemliches Chaos wegen der ganzen Koffer gab.

Vor dem TAP Schalter im Airport stand eine gewaltige Schlange, vielleicht 100 Meter lang, durch Absperrungen in eine Zickzackform gebracht. Die meisten Leute hatten geradezu grotesk viel Gepäck bei sich. Kein Wunder, wenn ganze Familien zu Weihnachten zu den Großeltern geflogen waren und sich jetzt mit Kindern, Haustieren und Flachbildschirmen auf den Rückweg machten. Es gab eine kürzere Schlange für irgendwelche besonderen Passagiere. Nur weil die lange Schlange völlig hoffnungslos aussah, probierte ich die kürzere, und siehe da, die freundliche Dame checkte mich ein.

Die dann folgende Sicherheits-Kontrolle war total chaotisch, ein riesiger Menschenhaufen, der von Männern in gelben Westen in irgendwelche Labyrinthe aus Absperrband geschickt wurden. Die Stimmung war nahe an der Massenpanik. Dann Jacke ausziehen, ja auch die Jacke unter der Jacke, alles in die Plastikkisten, die dann in die Durchleuchtung geschoben wurden. Ich sah distinguierte portugiesische Herren mit ihren Schuhen in der Hand auf Socken umhergehen. Jetzt ging es in den Apparat, Hände hoch, und warten, bis ein Mann mit Weste nickte. Überstanden. Sie dürfen sich wieder anziehen.

Ich vergesse ja immer wieder, wie entwürdigend es inzwischen ist, in ein Flugzeug zu steigen. Eine Flugreise besteht hauptsächlich aus Warten und Schlangestehen. An Airports, die man nicht kennt, kann man nie sicher sein, dass man am richtigen Schalter steht, auch die Security-Prozeduren unterscheiden sich, so dass man dauernd zurechtgewiesen wird, mal höflicher, mal weniger höflich.

Nach der Security ging es dann durch den gewaltigen Luxusgüter-Einkaufsbereich. Gerade wurden fast noch unsere Körperöffnungen nach Waffen durchsucht, jetzt bekommen wir Whiskey und kostspielige Alukoffer angeboten. Feine Damen stehen neben edlen Produkten und haben ein sehr professionelles Lächeln für uns.

Die Szene am Gate dagegen hatte mit Luxus und Lächeln nichts mehr zu tun. Dort haben wir Passagiere auf engstem Raum zusammengesessen und auf unser verspätetes Flugzeug gewartet. Kinder tobten durch die Reihen, Säuglinge schrien sich die Lunge aus dem Leib, Ehepaare keiften sich an. Endlich verkündete der Lautsprecher, dass wir einsteigen durften und teilte uns mit, wie sich die Fluggesellschaft die Reihenfolge beim Boarding vorstellte. Sofort bildete sich eine lange Schlange, die sich unendlich langsam voran bewegte, weil jeder Fluggast überrascht war, dass er am Gate auch seinen Ausweis vorzeigen musste.

Zum Flug selbst lässt sich nicht viel sagen. Er war kurz. Dennoch bekamen wir eine kleine Mahlzeit gereicht, einen Keks, der wie ein kleines Schweineohr aussah und lecker schmeckte.

Na ja, in Lissabon haben wir dann 35 min auf unser Gepäck gewartet.

Fazit: Fliegen ist inzwischen mit dem Verlust von so viel Autonomie verbunden, dass man es wohl mit der Grundausbildung bei der Bundeswehr vergleichen könnte. Oder mit der Aufnahmeprozedur einer Justizvollzugsanstalt. Aber im Knast oder beim Bund kann man während der Prozedur nicht mal eben eine Familienpackung Überraschungseier und eine Designer-Aktentasche kaufen.

Ja, ich weiß, das ist alles nicht neu. Es hat mir einfach Spaß gemacht, es trotzdem mal aufzuschreiben. Weil ich mich jedes Mal, wenn ich eine Weile nicht geflogen bin, auf den nächsten Flug freue. Und weil ich mich noch erinnere, wie ich beim Buchen dachte, der Flug dauert nur eine Stunde, ist ja quasi ein Katzensprung.

08. Januar 2018

Trees from Trains.

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Wenn die Muse einen Künstler küsst, fühlt sich das nicht immer an wie ein Kuss. Manchmal eher wie eine Kopfnuss. Letzter Urlaubsabend. Harry ist unterwegs im Pendlerzug zurück zu seinem Quartier. Blauer Himmel, die Sonne schon im Westen, gleich geht sie unter. Harry hat einen Fensterplatz erdrängelt, um ihn herum müde Pendler, sitzend, stehend, die meisten schweigend. Harry hat die Kamera auf dem Schoß, auf der Fahrt will er noch ein paar Bilder machen, die Küste im Abendlicht. Aus dem fahrenden Zug zu knipsen ist nicht ideal, aber egal, es ist der letzte Abend, morgen um die Zeit wird er im Landeanflug auf zu Hause sein. Die Kopfnuss der Muse kriegt er ab, als er aus dem Fenster schaut. Die Scheibe ist völlig verkommen. Nicht nur verdreckt, offensichtlich von Wind und Salzwasser auch angegriffen und verwittert. Fotos, die man hier macht, sind völlig unbrauchbar. Man fotografiert nur für das kleine Papierkorbsymbol neben dem Bildschirm auf der Kamerarückseite.

Egal, denkt Harry, letzter Abend und digitale Fotos kosten nichts. Er will fotografieren. Harry betrachtet sich als Fotografen, und das hat er gelernt: Ein Fotograf fotografiert immer, auch wenn die Umstände nicht günstig sind. Für die Umstände sind andere zuständig, Gott, das Schicksal, das Universum, der Zufall, die Bahngesellschaft, wer auch immer. Sein Job ist jetzt, Fotos zu machen, später kann er sie alle in den digitalen Papierkorb verschieben.

Fotografieren. Er arbeitet nicht gern mit dem Sucher, lieber mit dem kleinen Bildschirm. Bild finden, fokussieren, abdrücken, am Bildschirm kontrollieren, und nochmal und nochmal. Im fahrenden Zug bleibt keine Zeit für Reflektion. Auch keine Zeit, um das perfekte Bild zu finden. Es ist mehr oder weniger Zufall, man arbeitet schnell und in dem Bewusstsein, dass man eigentlich nicht viel tun kann. Dieses Alles-Egal-Gefühl hat etwas sehr Befreiendes. Hier in diesem Zug kann Harry nichts falsch machen, es ist schon alles falsch, er kann nur auf den Auslöser drücken. Er merkt, wie viel Spaß ihm das macht. Es ist wie Liebe machen, wie Surfen oder so was, da hat die Reflektion auch keine Chance. Einfach nur Bilder, im Vorbeifahren geklickt.

Beim Blick auf den Bildschirm fällt ihm etwas auf. Die Bilder haben etwas. Schwer zu beschreiben, was das ist. Aber Harry verliebt sich ein bisschen in seine Bilder. Er sieht mehr in ihnen als nur einen Sonnenuntergang an der Küste. Das Verdorbene, das Unscharfe, die verwitterten Scheiben, das alles zusammen wirkt wie Kunst, zumindest in seinen Augen.

Ja, schießt es Harry durch den Kopf. Das ist Kunst. Ich mache gerade Kunst. Keine Urlaubsfotos, die jeder macht. Aufnahmen für ein Plakat, ein CD Cover. Oder so richtig für eine Galerie? Harry stellt sich seine Aufnahmen stark vergrößert an den Wänden der Galerie vor. Die Galerie liegt am Meer, Santa Monica zum Beispiel, Venice Beach. Harry war noch nie in Kalifornien, hat aber genaue Vorstellungen, wie es dort ist. Ein Premierenpublikum, eine aufgeregte Galeristin, Hollywood Stars sollen in gesichtet worden sein.

Die Vorstellung versetzt ihn in eine Art Rausch. Harry beginnt wie wild zu knipsen. Der Zug fährt, was er jetzt nicht auf den Chip kriegt, ist für immer verloren. Egal was die Kamera macht. Egal, was sie nicht kann. Kunst ist ja gerade das Unkontrollierte, das Unsichtbare zwischen den Pixeln. Klick, Blick auf den Bildschirm, Klick, Blick, Klick, Blick. Der Zug folgt schnell dem Gleis an Felsen und Stränden vorbei. Zwischen Villen und Casinos in den Badeorten hindurch, die wie auf einer Kette an der Küste aufgereiht sind. Silhouetten vor der untergehenden Sonne. Jede Zehntelsekunde ist entscheidend.

Harry bemerkt die Bäume auf seinen Fotos. Wie Urzeitriesen sehen die Palmen und Zypressen aus. Er will Bäume fotografieren. Unscharfe Bäume. Jetzt sieht er das Plakat für die Ausstellung in Venice Beach vor sich. „Trees from Trains“. Geniale Zeile. „Trees from Trains“. Darunter sein Name. Das Premierenpublikum drängelt sich wie eben die Pendler auf dem Bahnsteig. Die üblichen Fragen: Wie sind Sie gerade auf dieses Sujet gekommen? Was bedeutet es für Sie, Fotograf zu sein? Er wird sich noch Antworten überlegen müssen.

Die Sonne ist untergegangen, immer stärker spiegelt sich die Innenbeleuchtung der Zuges auf den Bildern, ein kalte Neonstange. Von Harry wird sie euphorisch begrüßt. Klar, das Unkontrollierbare erobert seine Bilder. Das muss so. Das ist bei großer Kunst immer so. Hinter die kalte Reflektion dringen. Die Power des Augenblicks.

Ältere Damen, ganz in Leder mit hochgesteckten Frisuren und gewagtem Lippenstift bewundern die riesigen Abzüge. Kunstkennerinnen eben. The Rich and the Beautiful. Mittendrin ein glücklicher Harry. Er. Harry. Fotograf. Anerkannter Fotograf. Die Vogue hat schon angerufen. Er steht da, völlig aufgelöst, ein echter Künstler. Er trinkt Champagner und plaudert mit zwei Frauen über die Inspiration und die Gabe, Kunst entstehen zu lassen.

Inzwischen ist es völlig dunkel, nichts ist zu sehen, nur das Innere des Zuges, die Neon-Leuchten. Fast alle Pendler sind ausgestiegen, als der Zug die Endstation erreicht. Es ist Herbst, kaum ist die Sonne weg, wird der Wind richtig kalt. Harry steht auf dem Bahnsteig, die Kamera immer noch in der Hand. Er fröstelt. Das Hochgefühl ist verschwunden, die Muse hat sich verabschiedet, nur die Daten auf der Speicherkarte sind noch da.

Jetzt muss er grinsen. Er war doch wirklich eine halbe Stunde lang ein weltberühmter Künstler. Kein schlechtes Urlaubserlebnis, ein geniales Gefühl. Das darf ihm gern noch einmal passieren, gern auch länger, und gern nicht nur in seiner Phantasie. Er steckt die Kamera weg und klappt den Kragen seiner Jacke hoch.

* * *

PS: Der Text ist zwar zum großen Teil fiktiv, er beruht aber auf einer Erfahrung. Die Bilder dazu habe ich im Zug von Lissabon nach Cascais gemacht. Hier kann man sie ansehen.

26. Oktober 2016

Android.

android

Vor ein paar Tagen habe ich ein kurzes Seminar zu Android mitgemacht. Es gab einen freundlichen Seminarleiter im karierten Hemd und einige Damen und Herren ab 60, die Fragen hatten wie „Wie kann man nervige Apps löschen?“, „Braucht man ein Virenprogramm?“ oder „Was ist der Unterschied zwischen Installieren und Aktualisieren?“

Außerdem sind da Mutter und Tochter. Mutter eine zierliche Dame um die 80, die wohl so gut wie gar nichts über Smartphones weiß. Tochter eine energische junge Frau, die entschieden hat, dass ihre Mutter diesen Kurs mitmachen muss. Sie ist als Begleitperson für ihre Mutter eingetragen und passt auf, dass Mutter nicht abhaut. Es gab da wohl einen Familienrat, der entschieden hat, dass die Familie ab jetzt über eine Whatsapp-Gruppe kommuniziert, wenn was ist. Mutter kann das nicht, also muss Mutter das eben lernen.

Es ist unendlich traurig, die beiden zu beobachten. Der Kursleiter bittet uns, den Playstore aufzurufen. Mutter sieht ihr Handy ängstlich an, Tochter faucht. Tochter zeigt, wo Mutter klicken soll. Mutter legt den Finger auf den Bildschirm und drückt mit Kraft. Mutter fragt, wozu man einen Playstore überhaupt braucht. Kursleiter antwortet einsilbig, da er seit fünf Minuten über nichts anderes geredet hat. Tochter zischt Mutter an, sie solle sich alles aufschreiben. Mutter ist den Tränen nahe, sie wolle doch nur telefonieren und ihr altes Handy sei so schön gewesen, das hätte Tasten für die Zahlen gehabt. Tochter meint, das alte Handy sei technisch überholt.

In der Pause, als Tochter vor dem Haus raucht, erzählt uns Mutter, sie habe von dem Seminar nichts gewusst, bis sie mit uns am Tisch saß. Sie sieht ihre Notizen an, „installieren“ steht da und „Playstore“ und „App“.

Es ist uns völlig klar, dass Mutter vielleicht nie lernt, wie man mit dem Smartphone umgeht. Sie will es ja gar nicht lernen. Sie hat große Angst vor dem Gerät, und offensichtlich versteht sie nicht, warum die Familie beschlossen hat, dass sie das jetzt lernen muss. Flüsternd stellt sie eine Frage an die Tochter. Tochter antwortet laut, sie solle die Frage an den Kursleiter stellen. Mutter fragt, was eine App ist. Wir starren auf unsere Bildschirme.

Ich denke an all die Frauen aus der Nachkriegsgeneration, die so stolz waren auf ihre Unselbständigkeit. Damals haben die Muttis es genossen, dass Vatis über die technischen Sachen Bescheid wusste. Bankkonto, Videorecorder, Ölheizung, Krankenkasse, Bundestagswahl, Vati macht das. Jetzt ist Vati nicht mehr da, und die Welt wird immer komplizierter. Statt des einen Telefons im Flur, für das die Post monatlich eine Rechnung schickte, gibt es jetzt jedes Jahr ein neues Ding, immer kleiner als das vorige und mit Kamera und Taschenlampe. Wozu braucht man eine Taschenlampe im Telefon? Wen kann man so was fragen? Am Telefon im Flur konnte man kaum was falsch machen, man nahm den Hörer ab, wartete auf das Tuten und wählte eine Nummer. Alles andere wusste Vati. Jetzt sind Telefone flache Dinger, die keine Tasten mehr haben und wenn man sie berührt, ist alles weg und man weiß nicht, was man gemacht hat und was man jetzt machen soll. Und der einzige Weg, Kontakt zu Kindern und Enkeln zu halten, geht über diese flachen Dinger.

Mutter schreibt das Wort „Home“ in ihr Notizbuch. Klar, die Tochter verhält sich unmöglich, und ich habe große Lust, sie zur Rede zu stellen, weil sie ihre Mutter hier so vorführt. Aber irgendwie ist auch ihr eine Verzweiflung anzumerken. Sicher wurde sie nicht mit diesem herzlosen Fauchen geboren. Sie hat es gelernt. Ich sehe ein kleines Mädchen vor mir, über die Rechenaufgaben gebeugt. Das Mädchen verstand damals nicht, wozu man Cosinus können muss, und von Mutter kamen wohl nur einsilbige Kommandos als Antwort auf seine Fragen.

Ist das Verhalten der Tochter eine späte Rache? Nicht nur für die Schulzeit, auch für den absoluten Unwillen der Eltern, sich mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Ich war dabei, als eine andere Tochter einer anderen Mutter ein Tastentelefon zu Weihnachten schenkte. Damals hatte die Mutter darauf bestanden, dass so etwas Neumodisches ihr nicht ins Haus kommt. Die Tochter ist ziemlich gekränkt mit ihrem schönen Geschenk wieder abgezogen, am Heiligabend und mit einer Riesenwut im Bauch.

So. Damit das hier nicht völlig depressiv endet, will ich den Eltern von heute folgenden Rat geben: Wenn Ihr die Hausarbeiten Eures Nachwuchses kontrolliert, denkt daran, dass ihr irgendwann völlig von Euren Kindern abhängig sein könntet. Dann werden die Töchter und Söhne vielleicht so mit Euch reden, wie Ihr jetzt mit ihnen sprecht. Interessanter Gedanke, oder?

06. September 2016

Mit Facebook auf der Flucht.

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Facebook, ist das nicht dieses nervige Ding, wo alle Leute Katzenbilder posten und sich von der NSA überwachen lassen? Ja, aber Facebook kann viel mehr sein, zum Beispiel ein prima Werkzeug für Leute, die ihr Wissen teilen und sich gegenseitig unterstützen wollen. Man kann schnell über die meisten Grenzen hinweg miteinander kommunizieren, ganz einfach vom Smartphone aus. Dass so etwas manchmal lebenswichtig ist, habe ich als Laie von einem Syrer erfahren, der eine Facebook-Gruppe nutzte, um nach Europa zu fliehen. Er berichtete davon in holprigem Englisch, ich habe die Geschichte so aufgeschrieben, wie ich sie verstanden habe.

Wie flieht man mit Hilfe seines Smartphones nach Europa? Zuerst einmal braucht man echte Freunde, auf die man sich verlassen kann. Freunde aus dem richtigen Leben. Mit ihnen gründet der junge Mann aus Damaskus eine Facebook-Gruppe. Die Mitglieder der Gruppe wollen fliehen, manche sind schon auf der Flucht, andere bereits am Ziel. Sie berichten über ihre Erfahrungen und geben konkrete Tipps. Wieviel Geld braucht man, wieviel Essen kann man mitnehmen?

Die Flucht des jungen Mannes beginnt mit einer Schiffsreise in die Türkei. Dort angekommen gelingt es ihm, etwas Geld zu verdienen. Um jetzt nach Griechenland weiter zu reisen, muss er sich mit „Traffickers“ einlassen, mit Schleppern, die letztendlich Kriminelle sind. Man kann keinem von ihnen wirklich trauen. Der junge Mann wählt sich einen Schlepper aus, mit dem Freunde von ihm bereits gute Erfahrungen gemacht haben. Das bringt keine absolute Sicherheit, aber es ist besser als nichts. Alle schreiben auf Facebook, mit wem sie nach Griechenland gereist sind, welche Erfahrungen sie gemacht haben und ob sie einen Trafficker weiterempfehlen. Ein Verfahren, das an die bekannten Bewertungsportale erinnert.

Die Überfahrt nach Griechenland in kleinen baufälligen Booten ist der gefährlichste Teil der Reise. Alles, was er über die Trafficker, den Treffpunkt, das Boot und so weiter in Erfahrung bringt, postet er in der Gruppe. So ist er nie ganz aus der Welt, auch während seiner gefährlichen Überfahrt bekommen die Familie und die Freunde Informationen darüber, wo er sich befindet. Im überfüllten Boot werden Videos gemacht und ins Netz gestellt. Ergreifend ist die Geschichte von einem Freund, dessen Boot in Seenot geraten ist. Er hat im sinkenden Boot per Handy die GPS Koordinaten ermittelt und sie in der Facebook-Gruppe gepostet. Seine Freunde, die bereits am Ziel waren, haben die türkische und die griechische Küstenwache von Deutschland aus angerufen und die Position des sinkenden Bootes durchgegeben.

Von Griechenland aus geht es weiter in Richtung Deutschland. Zur Orientierung nutzt er wie viele Flüchtlinge Google Maps. In jedem Land muss eine neue SIM Card gekauft werden. Ständiger Begleiter ist außer dem Smartphone eine Powerbank mit genug Power für sechs Akkuladungen. So kann er selbst im Wald ständig online sein. Mal geht es zu Fuß weiter, mal mit dem Bus oder mit dem Zug, eine kurze Strecke legt er im Flugzeug zurück. Jeder seiner Freunde berichtet der Facebook-Gruppe, wo er gerade ist und was er erlebt. Wenn ein Grenzübergang geschlossen wird oder die Polizei Leute verhaftet, erfährt die Facebook-Gruppe in Echtzeit davon, andere Flüchtende suchen sich sofort neue Wege.

Die Freunde, die bereits in Sicherheit sind, geben sich Mühe, rund um die Uhr online und in der Facebook-Gruppe zu sein. Schnelles Reagieren auf einen Hilferuf kann Leben retten. Durch das GPS auf dem Handy kann man schnell ermitteln, wo jemand ist. Manchmal werden Fotos geschickt aus einem Wald oder von einer Kreuzung. Erkennt jemand diese Kreuzung? Wie geht es von hier aus weiter? Mehr als 1000 solcher Facebook-Posts kommen in der Gruppe in Spitzenzeiten pro Tag zusammen. Vermerkt wird, wer einem unterwegs geholfen hat und um welches Dorf man besser einen Bogen macht. Die Flüchtlinge erfahren, dass Ungarn scharf darauf ist, Registrierungen und Fingerabdrücke zu bekommen, weil die EU für jeden registrierten Flüchtling Geld zahlt.

Von Wien aus fährt der junge Mann mit dem ICE nach Hamburg, um sich hier registrieren zu lassen – und um seine Freunde zu umarmen, wie er sagt. Jetzt ist er hier in Hamburg und hängt fast ununterbrochen am Smartphone. Denn viele seiner Freunde sind noch unterwegs, und er will dafür sorgen, dass alle heil und gesund ihr Ziel erreichen. Viel Glück!

23. Februar 2016

Ich war in Groningen.

Holland

Groningen liegt in Holland. Wenn man nach Groningen fahren will, wird einem das nicht gerade leicht gemacht. Man nimmt den Regionalzug nach Leer. Der Zug fährt entweder pünktlich ab und bleibt dann auf der Strecke stehen, oder er bleibt im Bahnhof stehen oder er kommt gar nicht. Es ist sehr spannend, weil man in Leer nur zehn Minuten Zeit zum Umsteigen hat. Ich will jetzt nicht über die Deutsche Bahn schreiben, obwohl ich das könnte. Lieber berichte ich über das, was danach kommt.

Der Bus, der ab Leer fährt, ist ein holländischer Bus. Das erste, was allen deutschen Fahrgästen auffällt, ist, dass die holländischen Fahrer unsere Fahrscheine nicht sehen wollen. Eine Fahrerin sagt, um Fahrscheine zu sehen, bräuchte sie eine Brille, und die liegt zu Hause. Wir Fahrgäste sind entsetzt. Kann man einer Busfahrerin sein Leben anvertrauen, die sich nicht für die Fahrscheinkontrolle interessiert? Zum Glück stellt sich die Frage nicht, die Tür geht zu, der Bus fährt los. An der Gegend um Leer fällt besonders der absolute Mangel an Gebirgen auf. Wahrscheinlich hat die Stadt daher ihren Namen, der ein bisschen nach einem mittellustigen Witz klingt. Es gibt auch keine Wälder und kaum Sträucher, aber Deiche. Und Windräder.

Die Grenze zu Holland ist nicht mehr da. Es gibt nur ein Schild „Niedersachsen wünscht alles Gute“. Das war’s dann aber auch schon. Groningen ist ein kleiner Ballungsraum mit vielen kleinen Firmengebäuden neben der Autobahn. Sie haben da auch viele Autobahnen und ein paar Gewässer, auf denen hübsche alte Segelboote liegen, die Sorte, die keinen Kiel hat und ganz breit ist, damit sie im flachen Wasser fahren kann.

Der Bahnhof von Groningen ist ein schönes altes Backsteingebäude, durch das viele Menschen rennen. Auch Holländer haben es eilig. Unter dem Bahnsteigdach steht ein Klavier. Jemand sitzt an dem Klavier und spielt was Hübsches. Das gibt der ganzen Situation etwas Slapstickhaftes, rennende Holländer mit Klavierbegleitung.

In Groningen sind Fahrräder genauso gefährlich wie Autos. Sie fahren genauso schnell und sind wie die Autofahrer gewillt, Dich zu überfahren, wenn Du nicht sofort aus dem Weg springst. Wenn man vom Bahnhof in die Stadt geht, kommt man am Museum vorbei. Im Museum wird David Bowie gezeigt. Es ist eine preisgekrönte Ausstellung, die jetzt noch beliebter geworden ist, weil David Bowie gestorben ist. Der Tod eines Popstars macht ihn bei den Massen so beliebt, dass ich als Popstar mir große Sorgen machen würde, wenn meine Plattenfirma Geld braucht. Die Ausstellung ist jeden Tag ausverkauft. Vor dem Museum steht ein Schild „David Bowie Is Sold Out“.

Nach dem Museum geht es durch eine enge Gasse in die Stadt. In der Gasse gibt es viele kleine Geschäfte mit Zeugs, das Touristen gerne kaufen, weil sie es nicht brauchen und zu Hause nie kaufen würden. Man kann aber nicht in Ruhe die Schaufenster ansehen, weil dauernd Fahrräder vorbei flitzen. In der engen Gasse sind viele Menschen, eine richtige Menschenmenge, die sich in Richtung Innenstadt bewegt, es ist wie bei einer Demonstration. Es könnte eine Demonstration von Touristen sein, die für ihr Recht eintreten, in fremden Städten sinnlose Dinge zu kaufen.

Als es kurz anfängt zu regnen, gehe ich in ein Lokal. Eine hübsche junge Holländerin kommt auf mich zu und fragt mich was. Ich denke, sie will wissen, was ich essen will, um dann zu enscheiden, ob ich in das Restaurant darf oder nicht. Sie sieht meine Verwirrung und merkt auf Englisch an, dass es oben auch noch freie Plätze gibt. Oben gibt es auch noch freie Plätze. Außerdem sind da viele entspannte Holländer. Manche haben Kinder dabei, die keinen Krach machen. Der Tourist aus Deutschland kann sich nur wundern. Überhaupt sind sie alle sehr freundlich zu mir, obwohl meinesgleichen in Horden durch die Stadt ziehen, um alles wegzukaufen und sich zu amüsieren. Auch das verwirrt mich.

Ich laufe durch die Stadt. Mal scheint die Sonne und es ist sehr windig, mal fallen ein paar Tropfen Regen und es ist sehr windig. Um die Stadt herum ist ein Wassergraben wie bei uns im Zoo um das Freigehege für Tiger. Nur liegen in dem Wassergraben hier eine Menge Hausboote. Was ich besonders liebe, ist, dass holländische Hausboote ganz spießige Haustüren haben. Die gleichen Haustüren wie Häuser, mit Briefschlitz und Klingel.

Dann tun mir wieder mal die Füße weh und ich setze mich in ein Schnellrestaurant und esse einen Joghurt. Es ist ein Schnellrestaurant mit einer Art Wintergarten, der ein Glasdach hat. Man sitzt in der Sonne. Ich sitze in einem holländischen Schnellrestaurant unter lauter Holländern und denke, Mensch, jetzt sitze ich in einem holländischen Schnellrestaurant unter lauter Holländern, und durch das Dach scheint die Sonne, ist das nicht toll? Als ich den Joghurt aufgegessen habe, kaufe ich noch Sachen, die ich zu Hause niemals kaufen würde, damit ich meine Touristenpflicht erledigt habe und beruhigt nach Hause fahren kann. Ich kaufe auch frischen Erdbeersaft mit Limone und denke, warum gibt es das bei uns nicht. Ich laufe ein bisschen durch die Stadt, weiche Fahrrädern aus und mache hübsche Fotos.

Schließlich gehe ich zum Bahnhof, lausche der Klaviermusik und trinke im Bahnhofsrestaurant einen sehr großen Kaffee. Das Bahnhofsrestaurant ist von Starbucks übernommen worden. Der kleinste Kaffee ist ein halber Liter. Die freundliche junge Frau hinter dem Tresen fragt mich, welche Größe. Ich rufe entsetzt aus, die kleinste. Ich will keinen Liter Kaffee haben. Sie grinst. Ich glaube, diese Einliterbecher bei Starbucks dienen dazu, dass die hübschen Damen hinter dem Tresen ihre Gäste damit erschrecken können. Ich sitze noch eine Weile im Starbucks und sehe den anderen beim Sitzen zu, dann gehe ich zur Haltestelle und auf die Minute pünktlich kommt der Bus. Er fährt erst durch den bunt beleuchteten kleinen Groninger Ballungsraum, dann durch die pechschwarze Nacht. Zum Schluss geht es durch Leer, wo alle Häuser dunkel sind und die Straßen völlig ausgestorben. Klar, es ist ja auch schon 19:30, da sind hier alle längst im Bett. Als ich auf dem Bahnsteig stehe, wird ein Zug angesagt, der nicht kommt, dann noch einer, der auch nicht kommt, dann kommt einer, der erstmal nicht weiterfährt, aber während er nicht fährt, kommt ein dicker Schaffner und kontrolliert meinen Fahrschein. Ich fühle mich sofort wieder wie zu Hause.

Groningen1

12. Februar 2016

Der Geier im Garten.

A – Ich habe einen Geier gesehen. Bei Ihnen im Garten. Gestern war das, kurz bevor es dunkel wurde, da stand ein Geier vor Ihrem Taxus.

B – Geier? So ein Quatsch, hier gibts keine Geier. Bei mir schon gar nicht. Die fressen doch Aas.

A – Ja, glauben Sie denn, ich weiß nicht, dass Geier Aas fressen? Deshalb habe ich mich auch so gewundert. Ich hab noch gedacht, ich mach da mal ein Selfie, der Geier und ich sozusagen, aber dann hatte ich kein Akku mehr. Und dann war’s dunkel.

B – Sie können mir ruhig glauben, ein Geier bei uns im Garten, das wäre uns aufgefallen. Britta kümmert sich doch so intensiv um den Garten. Für sie ist das wahre Leidenschaft, wie sie immer sagt. Die hätte garantiert einen fremden Vogel bemerkt. Ein Geier ist ja auch nicht gerade ein kleiner Vogel.

A – Ja, aber wenn ich ihn doch gesehen habe. Mit meinen eigenen Augen …

B – Einen Geier … Mann, sie haben vielleicht eine Phantasie. Außerdem, da wo sie den Geier gesehen haben wollen, da steht doch unser Reiher.

A – Geier, Reiher, wo ist denn da der Unterschied?

B – Das ist doch überhaupt nicht das Gleiche! Das beginnt ja schon bei der Ernährung. Der Reiher bevorzugt Fisch, während der Geier …

A – Nu machen Sie sich mal nicht so wichtig. Flügel haben sie ja wohl beide.

B – Da gibt es, wie ich schon sagte, große Unterschiede …

A – Ein Buchstabe, sage ich Ihnen, ein lumpiger Buchstabe. Geier, Reiher, also wo da der Unterschied …

B – Jedenfalls, der Reiher, der REIHER, der steht da immer. Von morgens bis abends. Der kümmert sich um die Karpfen.

A – Um die Karpfen? Bei Ihnen sind doch keine Karpfen im Vorgarten!

B – Vielleicht ja, vielleicht nein. Ich bin da nicht so sicher. Britta jedenfalls sagt, jemand hat die ganzen Stiefmütterchen angeknabbert. Und in der Zeitschrift, die sie abonniert hat, da stand, dass es dieses Jahr eine Karpfenplage gibt. Das hat sie mir vorgelesen. Also ich gehe davon aus, dass das dann stimmt.

A – Was issen das für eine Zeitschrift?

B – Die heißt “Fisch und Vorgarten”, glaube ich.

A – Eine Karpfenplage in ihrem Vorgarten? Das ist ja wohl der letzte Schwachsinn.

B – Nun seien so mal nicht so vorlaut, Herr Geierreiher? Oder soll ich Reihergeier zu Ihnen sagen?

A – Karpfen brauchen doch einen Teich. Sie brauchen einen Karpfenteich, wie der Name schon sagt.

B – Wenn meine Britta Karpfen bei uns im Vorgarten verscheuchen will, dann wird sie ihre Gründe haben. Mich geht der Garten ja nichts an. Ich hätte den asphaltiert, wenn Sie mich fragen, aber sie hat ja diese Leidenschaft. Und eines muss man ihr lassen, seit wir den Reiher haben, sind die Karpfen sehr zurückgegangen.

A – Wohin sind die gegangen?

B – Sie sind verschwunden, Mann!

A – Und warum ist der Geier…

B – Das ist ein Reiher!!! Wir sind doch nicht in Mexiko!

A – Warum ist der Reiher immer am gleichen Platz? Fliegt denn der nicht weg?

B – Der kann doch gar nicht fliegen.

A – Ach, Reiher können nicht fliegen? Ich habe schon mal einen Reiher fliegen gesehen.

B – Aber nicht unseren Reiher! Den haben Sie nicht fliegen gesehen?

A – Was macht Sie denn da so sicher?

B – Na, unser Reiher ist aus Plastik. Den haben wir aus dem Baumarkt. Aus der Karpfen-Bekämpfungs-Abteilung.

A – Karpfen-Bekämpfung? Das glaube ich Ihnen nicht.

B – Na ich denke, das hat mit diesen Krähen angefangen. Sie kennen doch diese Plastikkrähen, die man sich hinstellt, wenn die Tauben einem alles zukacken. Wahrscheinlich hat das so gut funktioniert, dass man jetzt gegen die Karpfen auf die gleiche Weise vorgeht.

A – Haben Sie denn schon je mal, haben Sie denn nur ein einziges Mal einen Karpfen in Ihrem Vorgarten Stiefmütterchen anknabbern gesehen?

B – Nein, zum Glück nicht! Aber gestern haben die Karpfen zum Gegenschlag ausgeholt.

A – Gegenschlag? Wie denn das?

B – Na, als wir heute morgen auf die Terrasse gekommen sind, da lag der Reiher da. Die Karpfen haben ihn einfach umgeworfen. Verdammte Fische aber auch!

Reiher Geier

03. November 2015

Lasst mich lügen.

haus
Mein Vater war ein Lügner und mein Großvater natürlich auch. Sie waren beide große Lügner, großartige Lügner. In der Kunst, die Wahrheit zu verschleiern, haben sie es zu einer wahren Meisterschaft gebracht. Ich kenne unsere Familiengeschichte nicht so genau, doch ich kann mir sehr gut vorstellen, dass bei uns seit Jahrhunderten in einem Ausmaß gelogen wurde, welches auch dicke Balken aus heimischem Hartholz dazu bringen würde, sich zu biegen wie gekochte Spaghetti. Wenn dann Lügen wirklich Balken biegen würden, was meiner Ansicht auch nicht so ganz wahr ist.

Wenn ich hier jetzt zugebe, dass ich die Geschichte unserer Familie nicht so genau kenne, dann liegt das natürlich in der Natur der Sache. Mein Vater hat mir die Chronik unseres Geschlechts mir immer wieder in allen Einzelheiten berichtet. Er wollte unbedingt, dass sein Sohn unbändigen Stolz verspürte, wenn er an die Taten seiner Vorfahren dachte. Doch jedes Mal, wenn mein Vater zu einer noch phantastischeren Version unserer Familiengeschichte ausholte, gab es neue Fakten, mehr heroische Taten und noch offensichtlichere Widersprüche, so dass jeder Idiot nicht anders konnte als zumindest zu ahnen, wie weit diese Erzählungen von der nackten Wahrheit entfernt waren. Und das eine Mal, dass mein Großvater sich über die lange Geschichte seiner und unserer Vorfahren ausließ, hatte seine Erzählung nichts, aber auch gar nichts mit den Hirngespinsten meines Vaters gemein.

Ich hoffe, es wird jetzt schon klar, dass mein Vater und mein Großvater nicht nur logen wie gedruckt, sie taten dies auch ohne jede Scham. Im Gegenteil, sie waren besessen vom Ehrgeiz, zu den besten Lügnern des Landes zu gehören, ja wenn irgend möglich alle anderen Vertreter dieser Zunft weit hinter sich zu lassen und die Goldmedaille der Unwahrheit zu erstreiten.

Inzwischen lebe ich schon viele Jahre im Land des deutschen Waldes und weiß, wie gering hierzulande die Kunst der Lüge geschätzt wird. Es ist deshalb für Sie, liebe Leser und Zuhörer, wichtig zu verstehen, wie langweilig und unkreativ die hier gepflegte Wahrheitsliebe eigentlich ist. Bei uns zu Hause sagte man immer, die Wahrheit spricht nur einer, der zu dumm ist, sich eine gute Lüge auszudenken. Das Wahre ist wie eine schmutzige Hauswand. Was für ein trauriges Leben ist das, wenn man sein Leben lang auf eine schmutzige Wand starren muss. Wie viel mehr Spaß macht es, eine solche Wand ein bisschen zu verzieren. Und wahrhaft glücklich ist ein Meister, der eine graue Wand nur dazu benutzt, ein buntes Gemälde darauf zu schaffen, einen Strand unter Palmen etwa, der jeden Betrachter in Entzücken zu versetzen vermag.

Ja, die Lüge hat in meiner Heimat ein hohes Ansehen. Es gehört viel Einfallsreichtum, Mut und Entschlossenheit dazu, gut zu lügen. Es ist eine Aufgabe für die wirklich Berufenen. Deshalb suchen die meisten meiner Landsleute Rat bei professionellen Lügnern, wenn sie eine besonders gute Lüge brauchen, zur Konfirmation etwa, zur Hochzeit oder zu anderen besonderen Gelegenheiten. Deshalb ist der Beruf des Flunkerers bei uns eine Profession mit hohem Ansehen, vergleichbar vielleicht mit einem Arzt oder einem Astronomen. Mein Vater hatte es immerhin zum Oberhoflügner bei unserer Majestät gebracht, er schrieb alle Reden und Verlautbarungen, die bei Hofe gebraucht wurden. Unsere Familie besaß ein großes Haus am Markt der Hauptstadt, wir hatten alles, was wir begehrten. Mein Vater hatte uns zu einer wohlhabenen Familie emporgelogen. Ja, mit der Fähigkeit, die Wahrheit durch etwas Besseres zu ersetzen, kann man es weit bringen.

So wird es hier auch niemanden erstaunen, dass auch ich die Laufbahn der kreativen Unwahrheit einschlagen wollte, kaum dass ich wusste, was eine Lüge überhaupt war. Ich ging also in die Lügenschule und später studierte ich die Kunst der Falsifikation und stand dicht vor meinem Abschluss, als die Katastrophe geschah.

Es gibt nur eines, was der Lügner fürchten muss, und das ist die Wahrheit. Ich sagte schon, dass mein Vater keinen Wettbewerb ausließ, um der unangefochten beste Lügner unseres Heimatlandes zu werden. Bei den Münchhausen-Tagen in der Hauptstadt meines Heimatlandes ging er mit einer sehr kreativen und phantasievollen Lüge über die Zeugungsrituale bestimmter Frösche ins Rennen. Dabei passierte ihm etwas, das keinem guten Lügner je passieren darf. Schon gar nicht einem Lügner, der sich in einem Wettbewerb befindet. Denn was mein Vater über die Paarung dieser Frösche behauptete, war leider, so phantasievoll es auch klang, die nackte Wahrheit. Kaum stellte die Jury das fest, wurde er aus dem Wettbewerb geworfen und seine Majestät verlangte den Kopf des Übeltäters auf einem silbernen Tablett. Wir schafften es gerade noch in der Nacht über die Grenze.

Drei Tage lang irrten wir am ungarischen Grenzzaun entlang, bevor wir den Weg in Richtung Österreich und schließlich hierher fanden. Mein Vater starb ein paar Tage später an gebrochenem Herzen. Ich habe keine Zeit zu trauern. Ich kämpfe um mein Leben, denn wenn ich in mein Heimatland abgeschoben werde, droht mir das Schlimmste. Sie werden mich mit einem Wahrheitsserum töten, befürchte ich. Also hoffe ich, dass hier in Deutschland die Lügenpresse schnell genug begreift, wie nützlich ein Lügner für sie sein kann, der aus einem alten Geschlecht von Lügnern stammt und bestens ausgebildet ist. Bitte, habt ein Herz, lasst mich für Euch lügen.

03. November 2015

Liebe ist doch so einfach.

v-day
Was ist Liebe? Wie funktioniert das? Woran kann ich erkennen, dass mein Partner mich liebt? Und kann ich das irgendwie quantifizieren, als ob er/mich von Herzen liebt, mit Schmerzen, ein bisschen, gar nicht? Früher war das ein beliebtes Thema für Sonette und diverse Ratgeber-Bücher. Psychologen wollten sogar eine gewisse Unfähigkeit zu lieben bei vielen Mitmenschen beobachtet haben. Alles Quatsch, Liebe geht ganz einfach. Diese Woche besonders. Man muss bloß die Zettelchen seines örtlichen Supermarkts studieren, die ganzen Valentinstags-Angebote. Und weil ich Euch alle liebhabe, liebe Leser(innen), habe ich das mal für Euch getan.

Der Valentinstag ist der beste Beweis dafür, dass Frauen wohl doch käuflich sind. Nur eben nicht mit Bargeld, sondern mit frisch erstandenen Liebesbeweisen. Die sind am besten herzförmig und rosa. Süße Herzen aus Schaumzucker, herzförmige Pralinen, Teebeutel mit Herzen drauf, oder Love-Nudeln sind zu empfehlen. Süßigkeiten gehen immer: Herzkirschen, Marzipanherzen, Liebestorte, Liebeseiscreme, Schokoherzen, Trüffelherzen, Eisherzen, Liebes-Donut lassen die Angebetete pfubdiger werden. Für Kreative: Lebkuchenherzen zum selbst dekorieren, herzförmige Muffinförmchen und Herzbilderrahmen mit „Love“ über dem Bild. Plüschtiere sind sehr gute Liebesbeweise, zur Wahl stehen unter andrem eine Kuh(!?), eine Robbe, diverse Bären und Mäuse, Marienkäfer mit Aufschrift „Drück mich“, Stoffbär mit Aufschrift „Küss mich“, ein Liebesigel mit externem Herz, oder einfach ein Plüschherz, die Alternative für Veganer (kein Tier muss leiden).

Oder nimm einfach eine Orchidee, die macht was her, kostet nur 5 Euro inklusive buntem Topf, der nach dem Tod der Pflanze weiterverwendet werden kann. Wer seinen Schatz noch mehr lieb hat als üblich, greift zum Armbanduhr-Schmuckset, bestehend aus Armbanduhr mit passendem Armband ohne Uhr, zusammen nur 10 Euro. Supi ist auch die rosa Kuscheldecke, allerdings rechteckig, ebenfalls für einen Zehner. Partnerbettwäsche ist wohl ein Extra-Trend, erhältlich mit küssenden Mäusen, mit Engelchen und Teufelchen und knutschenden Bären. Schöne Stunden zu zweit werden schöner mit herzförmigen Windlichtern, Herzhängern (?) oder einem Relaxkissen.

Aber was schenkt Sie ihm? Rosa Bierdosen mit Herzchenmuster gibt’s nirgends. Ich denke mal, weil Männer nicht so einfach käuflich sind.

07. Februar 2015