Ich war in Groningen.

Holland

Groningen liegt in Holland. Wenn man nach Groningen fahren will, wird einem das nicht gerade leicht gemacht. Man nimmt den Regionalzug nach Leer. Der Zug fährt entweder pünktlich ab und bleibt dann auf der Strecke stehen, oder er bleibt im Bahnhof stehen oder er kommt gar nicht. Es ist sehr spannend, weil man in Leer nur zehn Minuten Zeit zum Umsteigen hat. Ich will jetzt nicht über die Deutsche Bahn schreiben, obwohl ich das könnte. Lieber berichte ich über das, was danach kommt.

Der Bus, der ab Leer fährt, ist ein holländischer Bus. Das erste, was allen deutschen Fahrgästen auffällt, ist, dass die holländischen Fahrer unsere Fahrscheine nicht sehen wollen. Eine Fahrerin sagt, um Fahrscheine zu sehen, bräuchte sie eine Brille, und die liegt zu Hause. Wir Fahrgäste sind entsetzt. Kann man einer Busfahrerin sein Leben anvertrauen, die sich nicht für die Fahrscheinkontrolle interessiert? Zum Glück stellt sich die Frage nicht, die Tür geht zu, der Bus fährt los. An der Gegend um Leer fällt besonders der absolute Mangel an Gebirgen auf. Wahrscheinlich hat die Stadt daher ihren Namen, der ein bisschen nach einem mittellustigen Witz klingt. Es gibt auch keine Wälder und kaum Sträucher, aber Deiche. Und Windräder.

Die Grenze zu Holland ist nicht mehr da. Es gibt nur ein Schild “Niedersachsen wünscht alles Gute”. Das war’s dann aber auch schon. Groningen ist ein kleiner Ballungsraum mit vielen kleinen Firmengebäuden neben der Autobahn. Sie haben da auch viele Autobahnen und ein paar Gewässer, auf denen hübsche alte Segelboote liegen, die Sorte, die keinen Kiel hat und ganz breit ist, damit sie im flachen Wasser fahren kann.

Der Bahnhof von Groningen ist ein schönes altes Backsteingebäude, durch das viele Menschen rennen. Auch Holländer haben es eilig. Unter dem Bahnsteigdach steht ein Klavier. Jemand sitzt an dem Klavier und spielt was Hübsches. Das gibt der ganzen Situation etwas Slapstickhaftes, rennende Holländer mit Klavierbegleitung.

In Groningen sind Fahrräder genauso gefährlich wie Autos. Sie fahren genauso schnell und sind wie die Autofahrer gewillt, Dich zu überfahren, wenn Du nicht sofort aus dem Weg springst. Wenn man vom Bahnhof in die Stadt geht, kommt man am Museum vorbei. Im Museum wird David Bowie gezeigt. Es ist eine preisgekrönte Ausstellung, die jetzt noch beliebter geworden ist, weil David Bowie gestorben ist. Der Tod eines Popstars macht ihn bei den Massen so beliebt, dass ich als Popstar mir große Sorgen machen würde, wenn meine Plattenfirma Geld braucht. Die Ausstellung ist jeden Tag ausverkauft. Vor dem Museum steht ein Schild “David Bowie Is Sold Out”.

Nach dem Museum geht es durch eine enge Gasse in die Stadt. In der Gasse gibt es viele kleine Geschäfte mit Zeugs, das Touristen gerne kaufen, weil sie es nicht brauchen und zu Hause nie kaufen würden. Man kann aber nicht in Ruhe die Schaufenster ansehen, weil dauernd Fahrräder vorbei flitzen. In der engen Gasse sind viele Menschen, eine richtige Menschenmenge, die sich in Richtung Innenstadt bewegt, es ist wie bei einer Demonstration. Es könnte eine Demonstration von Touristen sein, die für ihr Recht eintreten, in fremden Städten sinnlose Dinge zu kaufen.

Als es kurz anfängt zu regnen, gehe ich in ein Lokal. Eine hübsche junge Holländerin kommt auf mich zu und fragt mich was. Ich denke, sie will wissen, was ich essen will, um dann zu enscheiden, ob ich in das Restaurant darf oder nicht. Sie sieht meine Verwirrung und merkt auf Englisch an, dass es oben auch noch freie Plätze gibt. Oben gibt es auch noch freie Plätze. Außerdem sind da viele entspannte Holländer. Manche haben Kinder dabei, die keinen Krach machen. Der Tourist aus Deutschland kann sich nur wundern. Überhaupt sind sie alle sehr freundlich zu mir, obwohl meinesgleichen in Horden durch die Stadt ziehen, um alles wegzukaufen und sich zu amüsieren. Auch das verwirrt mich.

Ich laufe durch die Stadt. Mal scheint die Sonne und es ist sehr windig, mal fallen ein paar Tropfen Regen und es ist sehr windig. Um die Stadt herum ist ein Wassergraben wie bei uns im Zoo um das Freigehege für Tiger. Nur liegen in dem Wassergraben hier eine Menge Hausboote. Was ich besonders liebe, ist, dass holländische Hausboote ganz spießige Haustüren haben. Die gleichen Haustüren wie Häuser, mit Briefschlitz und Klingel.

Dann tun mir wieder mal die Füße weh und ich setze mich in ein Schnellrestaurant und esse einen Joghurt. Es ist ein Schnellrestaurant mit einer Art Wintergarten, der ein Glasdach hat. Man sitzt in der Sonne. Ich sitze in einem holländischen Schnellrestaurant unter lauter Holländern und denke, Mensch, jetzt sitze ich in einem holländischen Schnellrestaurant unter lauter Holländern, und durch das Dach scheint die Sonne, ist das nicht toll? Als ich den Joghurt aufgegessen habe, kaufe ich noch Sachen, die ich zu Hause niemals kaufen würde, damit ich meine Touristenpflicht erledigt habe und beruhigt nach Hause fahren kann. Ich kaufe auch frischen Erdbeersaft mit Limone und denke, warum gibt es das bei uns nicht. Ich laufe ein bisschen durch die Stadt, weiche Fahrrädern aus und mache hübsche Fotos.

Schließlich gehe ich zum Bahnhof, lausche der Klaviermusik und trinke im Bahnhofsrestaurant einen sehr großen Kaffee. Das Bahnhofsrestaurant ist von Starbucks übernommen worden. Der kleinste Kaffee ist ein halber Liter. Die freundliche junge Frau hinter dem Tresen fragt mich, welche Größe. Ich rufe entsetzt aus, die kleinste. Ich will keinen Liter Kaffee haben. Sie grinst. Ich glaube, diese Einliterbecher bei Starbucks dienen dazu, dass die hübschen Damen hinter dem Tresen ihre Gäste damit erschrecken können. Ich sitze noch eine Weile im Starbucks und sehe den anderen beim Sitzen zu, dann gehe ich zur Haltestelle und auf die Minute pünktlich kommt der Bus. Er fährt erst durch den bunt beleuchteten kleinen Groninger Ballungsraum, dann durch die pechschwarze Nacht. Zum Schluss geht es durch Leer, wo alle Häuser dunkel sind und die Straßen völlig ausgestorben. Klar, es ist ja auch schon 19:30, da sind hier alle längst im Bett. Als ich auf dem Bahnsteig stehe, wird ein Zug angesagt, der nicht kommt, dann noch einer, der auch nicht kommt, dann kommt einer, der erstmal nicht weiterfährt, aber während er nicht fährt, kommt ein dicker Schaffner und kontrolliert meinen Fahrschein. Ich fühle mich sofort wieder wie zu Hause.

Groningen1

12. Februar 2016

Der Geier im Garten.

A – Ich habe einen Geier gesehen. Bei Ihnen im Garten. Gestern war das, kurz bevor es dunkel wurde, da stand ein Geier vor Ihrem Taxus.

B – Geier? So ein Quatsch, hier gibts keine Geier. Bei mir schon gar nicht. Die fressen doch Aas.

A – Ja, glauben Sie denn, ich weiß nicht, dass Geier Aas fressen? Deshalb habe ich mich auch so gewundert. Ich hab noch gedacht, ich mach da mal ein Selfie, der Geier und ich sozusagen, aber dann hatte ich kein Akku mehr. Und dann war’s dunkel.

B – Sie können mir ruhig glauben, ein Geier bei uns im Garten, das wäre uns aufgefallen. Britta kümmert sich doch so intensiv um den Garten. Für sie ist das wahre Leidenschaft, wie sie immer sagt. Die hätte garantiert einen fremden Vogel bemerkt. Ein Geier ist ja auch nicht gerade ein kleiner Vogel.

A – Ja, aber wenn ich ihn doch gesehen habe. Mit meinen eigenen Augen …

B – Einen Geier … Mann, sie haben vielleicht eine Phantasie. Außerdem, da wo sie den Geier gesehen haben wollen, da steht doch unser Reiher.

A – Geier, Reiher, wo ist denn da der Unterschied?

B – Das ist doch überhaupt nicht das Gleiche! Das beginnt ja schon bei der Ernährung. Der Reiher bevorzugt Fisch, während der Geier …

A – Nu machen Sie sich mal nicht so wichtig. Flügel haben sie ja wohl beide.

B – Da gibt es, wie ich schon sagte, große Unterschiede …

A – Ein Buchstabe, sage ich Ihnen, ein lumpiger Buchstabe. Geier, Reiher, also wo da der Unterschied …

B – Jedenfalls, der Reiher, der REIHER, der steht da immer. Von morgens bis abends. Der kümmert sich um die Karpfen.

A – Um die Karpfen? Bei Ihnen sind doch keine Karpfen im Vorgarten!

B – Vielleicht ja, vielleicht nein. Ich bin da nicht so sicher. Britta jedenfalls sagt, jemand hat die ganzen Stiefmütterchen angeknabbert. Und in der Zeitschrift, die sie abonniert hat, da stand, dass es dieses Jahr eine Karpfenplage gibt. Das hat sie mir vorgelesen. Also ich gehe davon aus, dass das dann stimmt.

A – Was issen das für eine Zeitschrift?

B – Die heißt “Fisch und Vorgarten”, glaube ich.

A – Eine Karpfenplage in ihrem Vorgarten? Das ist ja wohl der letzte Schwachsinn.

B – Nun seien so mal nicht so vorlaut, Herr Geierreiher? Oder soll ich Reihergeier zu Ihnen sagen?

A – Karpfen brauchen doch einen Teich. Sie brauchen einen Karpfenteich, wie der Name schon sagt.

B – Wenn meine Britta Karpfen bei uns im Vorgarten verscheuchen will, dann wird sie ihre Gründe haben. Mich geht der Garten ja nichts an. Ich hätte den asphaltiert, wenn Sie mich fragen, aber sie hat ja diese Leidenschaft. Und eines muss man ihr lassen, seit wir den Reiher haben, sind die Karpfen sehr zurückgegangen.

A – Wohin sind die gegangen?

B – Sie sind verschwunden, Mann!

A – Und warum ist der Geier…

B – Das ist ein Reiher!!! Wir sind doch nicht in Mexiko!

A – Warum ist der Reiher immer am gleichen Platz? Fliegt denn der nicht weg?

B – Der kann doch gar nicht fliegen.

A – Ach, Reiher können nicht fliegen? Ich habe schon mal einen Reiher fliegen gesehen.

B – Aber nicht unseren Reiher! Den haben Sie nicht fliegen gesehen?

A – Was macht Sie denn da so sicher?

B – Na, unser Reiher ist aus Plastik. Den haben wir aus dem Baumarkt. Aus der Karpfen-Bekämpfungs-Abteilung.

A – Karpfen-Bekämpfung? Das glaube ich Ihnen nicht.

B – Na ich denke, das hat mit diesen Krähen angefangen. Sie kennen doch diese Plastikkrähen, die man sich hinstellt, wenn die Tauben einem alles zukacken. Wahrscheinlich hat das so gut funktioniert, dass man jetzt gegen die Karpfen auf die gleiche Weise vorgeht.

A – Haben Sie denn schon je mal, haben Sie denn nur ein einziges Mal einen Karpfen in Ihrem Vorgarten Stiefmütterchen anknabbern gesehen?

B – Nein, zum Glück nicht! Aber gestern haben die Karpfen zum Gegenschlag ausgeholt.

A – Gegenschlag? Wie denn das?

B – Na, als wir heute morgen auf die Terrasse gekommen sind, da lag der Reiher da. Die Karpfen haben ihn einfach umgeworfen. Verdammte Fische aber auch!

Reiher Geier

03. November 2015

Lasst mich lügen.

haus
Mein Vater war ein Lügner und mein Großvater natürlich auch. Sie waren beide große Lügner, großartige Lügner. In der Kunst, die Wahrheit zu verschleiern, haben sie es zu einer wahren Meisterschaft gebracht. Ich kenne unsere Familiengeschichte nicht so genau, doch ich kann mir sehr gut vorstellen, dass bei uns seit Jahrhunderten in einem Ausmaß gelogen wurde, welches auch dicke Balken aus heimischem Hartholz dazu bringen würde, sich zu biegen wie gekochte Spaghetti. Wenn dann Lügen wirklich Balken biegen würden, was meiner Ansicht auch nicht so ganz wahr ist.

Wenn ich hier jetzt zugebe, dass ich die Geschichte unserer Familie nicht so genau kenne, dann liegt das natürlich in der Natur der Sache. Mein Vater hat mir die Chronik unseres Geschlechts mir immer wieder in allen Einzelheiten berichtet. Er wollte unbedingt, dass sein Sohn unbändigen Stolz verspürte, wenn er an die Taten seiner Vorfahren dachte. Doch jedes Mal, wenn mein Vater zu einer noch phantastischeren Version unserer Familiengeschichte ausholte, gab es neue Fakten, mehr heroische Taten und noch offensichtlichere Widersprüche, so dass jeder Idiot nicht anders konnte als zumindest zu ahnen, wie weit diese Erzählungen von der nackten Wahrheit entfernt waren. Und das eine Mal, dass mein Großvater sich über die lange Geschichte seiner und unserer Vorfahren ausließ, hatte seine Erzählung nichts, aber auch gar nichts mit den Hirngespinsten meines Vaters gemein.

Ich hoffe, es wird jetzt schon klar, dass mein Vater und mein Großvater nicht nur logen wie gedruckt, sie taten dies auch ohne jede Scham. Im Gegenteil, sie waren besessen vom Ehrgeiz, zu den besten Lügnern des Landes zu gehören, ja wenn irgend möglich alle anderen Vertreter dieser Zunft weit hinter sich zu lassen und die Goldmedaille der Unwahrheit zu erstreiten.

Inzwischen lebe ich schon viele Jahre im Land des deutschen Waldes und weiß, wie gering hierzulande die Kunst der Lüge geschätzt wird. Es ist deshalb für Sie, liebe Leser und Zuhörer, wichtig zu verstehen, wie langweilig und unkreativ die hier gepflegte Wahrheitsliebe eigentlich ist. Bei uns zu Hause sagte man immer, die Wahrheit spricht nur einer, der zu dumm ist, sich eine gute Lüge auszudenken. Das Wahre ist wie eine schmutzige Hauswand. Was für ein trauriges Leben ist das, wenn man sein Leben lang auf eine schmutzige Wand starren muss. Wie viel mehr Spaß macht es, eine solche Wand ein bisschen zu verzieren. Und wahrhaft glücklich ist ein Meister, der eine graue Wand nur dazu benutzt, ein buntes Gemälde darauf zu schaffen, einen Strand unter Palmen etwa, der jeden Betrachter in Entzücken zu versetzen vermag.

Ja, die Lüge hat in meiner Heimat ein hohes Ansehen. Es gehört viel Einfallsreichtum, Mut und Entschlossenheit dazu, gut zu lügen. Es ist eine Aufgabe für die wirklich Berufenen. Deshalb suchen die meisten meiner Landsleute Rat bei professionellen Lügnern, wenn sie eine besonders gute Lüge brauchen, zur Konfirmation etwa, zur Hochzeit oder zu anderen besonderen Gelegenheiten. Deshalb ist der Beruf des Flunkerers bei uns eine Profession mit hohem Ansehen, vergleichbar vielleicht mit einem Arzt oder einem Astronomen. Mein Vater hatte es immerhin zum Oberhoflügner bei unserer Majestät gebracht, er schrieb alle Reden und Verlautbarungen, die bei Hofe gebraucht wurden. Unsere Familie besaß ein großes Haus am Markt der Hauptstadt, wir hatten alles, was wir begehrten. Mein Vater hatte uns zu einer wohlhabenen Familie emporgelogen. Ja, mit der Fähigkeit, die Wahrheit durch etwas Besseres zu ersetzen, kann man es weit bringen.

So wird es hier auch niemanden erstaunen, dass auch ich die Laufbahn der kreativen Unwahrheit einschlagen wollte, kaum dass ich wusste, was eine Lüge überhaupt war. Ich ging also in die Lügenschule und später studierte ich die Kunst der Falsifikation und stand dicht vor meinem Abschluss, als die Katastrophe geschah.

Es gibt nur eines, was der Lügner fürchten muss, und das ist die Wahrheit. Ich sagte schon, dass mein Vater keinen Wettbewerb ausließ, um der unangefochten beste Lügner unseres Heimatlandes zu werden. Bei den Münchhausen-Tagen in der Hauptstadt meines Heimatlandes ging er mit einer sehr kreativen und phantasievollen Lüge über die Zeugungsrituale bestimmter Frösche ins Rennen. Dabei passierte ihm etwas, das keinem guten Lügner je passieren darf. Schon gar nicht einem Lügner, der sich in einem Wettbewerb befindet. Denn was mein Vater über die Paarung dieser Frösche behauptete, war leider, so phantasievoll es auch klang, die nackte Wahrheit. Kaum stellte die Jury das fest, wurde er aus dem Wettbewerb geworfen und seine Majestät verlangte den Kopf des Übeltäters auf einem silbernen Tablett. Wir schafften es gerade noch in der Nacht über die Grenze.

Drei Tage lang irrten wir am ungarischen Grenzzaun entlang, bevor wir den Weg in Richtung Österreich und schließlich hierher fanden. Mein Vater starb ein paar Tage später an gebrochenem Herzen. Ich habe keine Zeit zu trauern. Ich kämpfe um mein Leben, denn wenn ich in mein Heimatland abgeschoben werde, droht mir das Schlimmste. Sie werden mich mit einem Wahrheitsserum töten, befürchte ich. Also hoffe ich, dass hier in Deutschland die Lügenpresse schnell genug begreift, wie nützlich ein Lügner für sie sein kann, der aus einem alten Geschlecht von Lügnern stammt und bestens ausgebildet ist. Bitte, habt ein Herz, lasst mich für Euch lügen.

03. November 2015

Liebe ist doch so einfach.

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Was ist Liebe? Wie funktioniert das? Woran kann ich erkennen, dass mein Partner mich liebt? Und kann ich das irgendwie quantifizieren, als ob er/mich von Herzen liebt, mit Schmerzen, ein bisschen, gar nicht? Früher war das ein beliebtes Thema für Sonette und diverse Ratgeber-Bücher. Psychologen wollten sogar eine gewisse Unfähigkeit zu lieben bei vielen Mitmenschen beobachtet haben. Alles Quatsch, Liebe geht ganz einfach. Diese Woche besonders. Man muss bloß die Zettelchen seines örtlichen Supermarkts studieren, die ganzen Valentinstags-Angebote. Und weil ich Euch alle liebhabe, liebe Leser(innen), habe ich das mal für Euch getan.

Der Valentinstag ist der beste Beweis dafür, dass Frauen wohl doch käuflich sind. Nur eben nicht mit Bargeld, sondern mit frisch erstandenen Liebesbeweisen. Die sind am besten herzförmig und rosa. Süße Herzen aus Schaumzucker, herzförmige Pralinen, Teebeutel mit Herzen drauf, oder Love-Nudeln sind zu empfehlen. Süßigkeiten gehen immer: Herzkirschen, Marzipanherzen, Liebestorte, Liebeseiscreme, Schokoherzen, Trüffelherzen, Eisherzen, Liebes-Donut lassen die Angebetete pfubdiger werden. Für Kreative: Lebkuchenherzen zum selbst dekorieren, herzförmige Muffinförmchen und Herzbilderrahmen mit “Love” über dem Bild. Plüschtiere sind sehr gute Liebesbeweise, zur Wahl stehen unter andrem eine Kuh(!?), eine Robbe, diverse Bären und Mäuse, Marienkäfer mit Aufschrift “Drück mich”, Stoffbär mit Aufschrift “Küss mich”, ein Liebesigel mit externem Herz, oder einfach ein Plüschherz, die Alternative für Veganer (kein Tier muss leiden).

Oder nimm einfach eine Orchidee, die macht was her, kostet nur 5 Euro inklusive buntem Topf, der nach dem Tod der Pflanze weiterverwendet werden kann. Wer seinen Schatz noch mehr lieb hat als üblich, greift zum Armbanduhr-Schmuckset, bestehend aus Armbanduhr mit passendem Armband ohne Uhr, zusammen nur 10 Euro. Supi ist auch die rosa Kuscheldecke, allerdings rechteckig, ebenfalls für einen Zehner. Partnerbettwäsche ist wohl ein Extra-Trend, erhältlich mit küssenden Mäusen, mit Engelchen und Teufelchen und knutschenden Bären. Schöne Stunden zu zweit werden schöner mit herzförmigen Windlichtern, Herzhängern (?) oder einem Relaxkissen.

Aber was schenkt Sie ihm? Rosa Bierdosen mit Herzchenmuster gibt’s nirgends. Ich denke mal, weil Männer nicht so einfach käuflich sind.

07. Februar 2015

Zebra

Zebra quer

Letzten Mittwoch habe ich beschlossen, im Elektronikmarkt meines Vertrauens ein Gerät zu erstehen, das mein Leben endlich zum Positiven wendet. Aber welche Marke, welche Ausstattung und überhaupt? Ich habe mich vom Experten beraten lassen.

Gemeinsam haben wir verschiedene Websites aufgerufen, technische Daten verglichen, mehr oder weniger wohlwollende Userprosa gelesen und Mikrofonbuchsen in den Abbildungen gesucht. Schließlich haben wir ein Gerät gefunden, das viele Extras und so gut wie keine Nachteile hat.

Ich habe mir die Typenbezeichnung notiert, und war schon auf dem Weg zur Tür, da rief mir der Experte hinterher: “Mit dem haste aber kein Zebra!” Reflexhaft antwortete ich: “Ich brauch’ kein Zebra!”

War das jetzt voreilig oder nicht? Brauche ich wirklich kein Zebra? Meine spontane Äußerung hat sicher viel mit meiner familiären Prägung zu tun. Ich stamme aus einer bürgerlichen Familie im großstädtischen Umfeld. Meine Eltern hatten nie ein Zebra, meine Großeltern väterlicherseits auch nicht. Meine Großeltern mütterlicherseits haben im Krieg alles verloren, ob auch ein Zebra zu diesem “alles” gehörte, weiß ich nicht. Die Frage zu stellen ist inzwischen unmöglich, sie weilen nicht mehr unter uns, sondern unter der Erde. Ich vermute aber, sie hatten auch kein Zebra, sie hätten es sonst sicher erwähnt. Beim Begräbnis von Onkel Erich zum Beispiel hätten sie geseufzt: “Wir haben ja auch alles in Posen zurücklassen müssen, das Haus, die Bettwäsche, das Grundstück, die Fabrik, das gute Service aus Meißen, das Tafelsilber und vor allem das Zebra. Unsere Kleine hat so an dem Tier gehangen.”

Was meine verschiedenen Urgroßeltern angeht, von denen weiß ich nicht viel. Als anständige Bauern und Handwerker hatten sie wohl ihr ganzes Leben fleißig gearbeitet, außer Sonntags, da waren sie in der Kirche. Ich vermute, für die Anschaffung eines Zebras hatten sie weder die Zeit noch die Mittel, erst recht nicht die Phantasie. Die Geschichtsforschung geht ja auch davon aus, dass Zebras im 19. Jahrhundert in der Mitte Europas eher die Ausnahme waren.

So ist es leicht einzusehen, dass ich glaubte, kein Zebra zu brauchen. Inzwischen, ein paar Tage später, bin ich mir da nicht so sicher. Ein paar unbestreitbare Vorteile dieses Streifentiers liegen auf der Hand. Ich könnte mich von meinen Nachbarn abheben. Im Haus sind Hunde sehr beliebt, die Frau unten links hat einen Vogel, der aufgeregt im Käfig herum springt, wenn Besuch kommt. Ein Zebra wäre da eine Abwechslung.

Außerdem: Mit einem Zebra bist Du der King der ganzen Straße, das eignet sich dafür besser als eine Bulldogge, von denen es hier einige gibt. Kinder fragen Dich, ob sie das Zebra mal streicheln dürfen. Wenn Dir mal eine Frau entgegen kommt, die auch ein Zebra an der Leine hat, ergibt sich sich ein Kennenlernen wie von selbst. Im Bus sorgst Du dafür, dass die Kinderwagen mit den jaulenden Monstern draußen bleiben, weil das Tier den ganzen Platz einnimmt.

Sehr gut funktionieren die gestreiften Biester bei Blinddates: “Machen Sie sich keine Sorgen, Gnädigste, sie erkennen mich ganz einfach. Ich habe mein Zebra dabei.” Mit einem solchen Accessoire ist man beliebt und wird oft auf Partys eingeladen. Dort geht einem nie der Gesprächsstoff aus. Es kann allerdings auf die Dauer ein bisschen eintönig sein, immer die Frage zu beantworten, wie es sich anfühlt, ein Zebra zu besitzen.

Ja, inzwischen tut es mir ein bisschen Leid, dass ich mich gegen das Zebra entschieden habe. Aber warum sie es manchen Geräten beilegen und manchen nicht, habe ich noch nicht so ganz begriffen.

06. Oktober 2014

Endlich ein Rezept in diesem Blog.

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Kürzlich habe ich bei einer Veranstaltung, bei der die meisten Gäste Bier tranken, eine Flasche Möhrensaft gewonnen. Nicht irgendeinen Möhrensaft wohlgemerkt, der von mir gewonnene ist ein hundertprozentiger Direktsaft aus samenfesten Sorten. Das Bild, das beim Lesen dieser Information in meinem Kopf entstand, war schwer genug wieder aus dem Kopf heraus zu bekommen.

Außerdem zeichnet sich der Saft durch  höchste Qualität aus, genauer gesagt durch eine bio-dynamische Qualität, komplett mit Bindestrich und allem. Die wichtigste, wenn auch eher weniger überraschende Information ist: Der Saft wurde aus Möhren gewonnen, was bei einem Möhrensaft sicher nicht selbstverständlich ist. Genauer: Er ist aus feldfrischen Möhren. Hier denke ich sehnsuchtsvoll daran, dass früher alles besser war, da waren frische Lebensmittel einfach nur frisch. Heute sind sie feldfrisch, gartenfrisch, ofenfrisch, küchenfrisch, knastfrisch, friedhofsfrisch oder fabrikfrisch, je nachdem, wo sie herkommen. Na egal, jedenfalls habe ich mich bedankt und den Gewinn in den Kühlschrank gestellt.

Heute ist der Zeitpunkt gekommen, den Inhalt zu probieren. Was soll ich sagen, für einen Menschen, der vor allem Produkte aus dem Hause Coca Cola zu sich nimmt, ist der Geschmack gewöhnungsbedürftig. Leider ist es auch ein Geschmack, an den ich mich gar nicht erst gewöhnen will. Ich beschließe, den Saft mit etwas anderem zu mischen, um ihn aufzuheitern.

Der erste Versuch, ein Cocktail aus Möhrensaft, Heidelbeersirup und Mineralwasser, kann meine verwöhnten Geschmacksknospen nicht hinter dem Ofen hervorlocken.

Der zweite Versuch dagegen hat mich sofort begeistert. Hier das Rezept:

In 300 ml Möhrensaft aus feldfrischen Möhren verrühren wir drei Esslöffel Grillsenf mit Currygeschmack. Kühl servieren und sofort auf Ex trinken. Ein pikanter Genuss, den Sie Ihren Nachbarn bei der nächsten Grillparty auf keinen Fall vorenthalten sollten.

19. Juni 2014

Glücklich auf der Cuxhavener Straße.

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Vor ein paar Tagen hatte ich einen Glücksmoment, an den ich mich jetzt noch gern erinnere. Ein sonniger Sonntag-Vormittag, ich radelte gemächlich die Cuxhavener Straße in Harburg entlang. Es war ziemlich still, man konnte die Vögel zwitschern hören. Hier sollte ich kurz allen Ortsfremden erklären, dass die Cuxhavener Straße eine breite Ausfallstraße mit Autobahnzubringer, Schwerlastverkehr und Dauerstau ist, auf der man oft sein eigenes Wort nicht versteht. Anders an diesem Sonntag, da standen sogar Leute auf ihren Balkons und winkten mir fröhlich zu.

Vor mir, neben mir, hinter mir und mit mir waren einige tausend Radfahrer auf dieser Straße unterwegs. Unser gemütliches Radeln nennt sich „Sternfahrt“ und ist eine Art Pedal-Demonstration für eine fahrradfreundliche Verkehrpolitik. Das war es aber nicht, was mir die Glücksgefühle verschaffte.

Ich genoss die Stille und die Freundlichkeit, mit der sich unser riesiger Schwarm von Fahrrädern aller Art durch den Harburger Morgen bewegte. Das wäre doch was, wenn überall in Hamburg auf drei Fahrspuren Pedaltreter unterwegs wären und am Rand gäbe es noch eine enge Spur, die „Autoweg“ oder „Autoschutzzone“ genannt wird.

Wenn man zu so vielen auf der breiten Straße unterwegs ist, fühlt man sich ziemlich besonders. Es ist eine Umkehr der Macht. Diese typische Demo-Erfahrung „wir sind viele“, und dazu kommt das Gefühl, das man als Kind hatte, wenn man irgendwo war, wo man als Kind eigentlich nicht hindurfte, zum Beispiel ins Lehrerzimmer.

Radfahrer werden in der Verkehrsplanung lieblos behandelt. Für sie gibt es keine Großbauten, keine Autobahnkilometer. Stattdessen Radwege, die manchmal im Nichts enden – und die Schilder „Radfahrer absteigen“.! Man kommt sich oft unwichtig vor. Erst bei der Sternfahrt habe ich gemerkt, was für eine Wut ich oft im Bauch habe, wenn ich mit dem Rad in der Stadt unterwegs bin.

Ich will jetzt nicht über Verkehrspolitik, Autowahn und so weiter schreiben, das machen andere viel besser. Ich will meine Leser nur ermuntern, mitzufahren, wenn es wieder eine solche Gelegenheit gibt. Was den Traum von den großen Straßen für Radler angeht: Seit dem Fall der Berliner Mauer halte ich ja nur sehr wenig für völlig unmöglich.

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18. Juni 2014

Faslam hinter dem Deich.

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Letzten Sonntag, am Tag nach meinem Besuch beim Karneval in Bremen, habe ich mich aufs Rad gesetzt und bin ein bisschen an der Elbe entlang gefahren. Dass ich dabei in den Faslam von Fliegenberg hinein gestolpert bin, das war reiner Zufall. Bei Sonnenschein, zum Teil eisigen Temperaturen und scharfem Wind machte sich dort ein Karnevalszug auf den Weg, der nicht von schlechten Eltern war. Karnevalshits vom Band dröhnten, die Dorfjugend und ein paar ältere Semester tanzten. Die Zuschauer wurden eifrig mit Schnaps versorgt. Fast jeder im Umzug hatte eine offene Flasche in der Hand. Viele am Straßenrand Stehende hatten kleine Gläser an einer Schnur um den Hals hängen und ließen sich gern einen einschenken. Ich denke mal, da war nicht nur der Himmel blau.

Wer „Fleisch ist mein Gemüse“ gesehen hat, weiß, wie man im Norden feiert. Der Umzug hätte als Fortsetzung des Films vielleicht einen Oscar bekommen.

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25. Februar 2014

Heimat der Scheibletten.

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Fasching, das war für uns in Berlin Heranwachsende etwas äußerst Merkwürdiges. Man guckte mit den Eltern die Rosenmontagszüge und glaubte, Rituale ferner Völker zu sehen. Ich weiß noch, wie ich die Pappmaché Figuren und Bonbons werfenden Prinzen mit weniger Verständnis betrachtete als heute ein Linguistikprofessor für das Dschungelcamp übrig haben mag. Später als Erwachsener war ich wie viele Berliner überzeugt: Fasching ist nur was für den Kindergarten. Das kann man im Norden nicht feiern, dazu sind wir einfach zu protestantisch.

Die Zeiten haben sich geändert. Inzwischen sind wir so multikulti, dass wir Halloween feiern und das chinesische Neue Jahr begrüßen. Jeder darf sich die Traditionen aneignen, die er spannend findet, ob es das Zuckerfest ist, das Tomatenfest oder das Pfirsichfest, um nur einige zu nennen. Wo nicht genug Traditionen zum Feiern vorhanden sind, schaffen wir uns selbst welche wie die berühmte Gemüseschlacht zwischen Kreuzberg und Friedrichshain.

In einem solchen Umfeld kann man auch locker Fasching feiern. So durfte ich am Samstag den Bremer Karneval erleben, der dieses Jahr unter dem Motto „Heimat“ stattfand. Ein Festzug aus über sechzig Sambagruppen trommelte sich durch die Innenstadt und das Ostertorviertel. Das Publikum feierte vielleicht nicht ganz so ausgelassen wie anderswo, sondern überließ das Feiern lieber denen, die was davon verstehen, den Trommlern und Tänzern in ihren bunten Kostümen. Dennoch war die Stimmung prima, und die eine oder andere Hüfte habe ich sehr wohl leicht schwingen sehen, keine Frage.

Die Überschrift meines heutigen Blogpost habe ich einem Transparent entnommen, das eine eher punkig gekleidete Gruppe mit sich führt und das auf das hier anspielt.

(Wie es der Zufall will, bin ich am Tag danach in den Faslam in Fliegenberg gestolpert, davon erzähle ich morgen.)

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24. Februar 2014

Im Streit getrennt!

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Eben hat mich mein Drucker verlassen. Besser gesagt, wir haben uns im Streit getrennt. Letzte Woche habe ich ihm sogar noch eine neue schwarze Patrone gekauft, gestern hat er noch fleißig gedruckt und seitdem ist nix passiert, ich habe ihn nicht mal berührt. Nur die Sonne ist einmal untergegangen und dann wieder aufgegangen. Heute morgen blinkt der Drucker wild in der Gegend herum, wie ein Kind, das sich unbedingt die Aufmerksamkeit seiner Eltern erhaschen will. Ich sehe in verchiedenen Internet-Foren nach. „Unknown printer error“, aha. Soweit war ich vorher auch schon, ein zumindest mir unbekannter Druckerfehler. Und ich möge den Drucker zu seinem Fachhändler bringen. Dazu fehlt mir jede Lust.

Dazu kommt, dass viele User meinen, der Hersteller habe diesen unbekannten Druckerfehler eingebaut, damit wir alle mal brav unsere Drucker zurück in den Elektronik-Markt bringen, um sie reparieren zu lassen. Dort haben die findigen Verkäufer die Chance, zu sagen, was sie immer sagen: „Reparatur? Das kann teuer werden, aber hier haben wir das, was Sie suchen, im Sonderangebot!“ Dabei fehlt dem armen Tintenstrahler wahrscheinlich gar nichts, außer dass sein Schöpfer festgelegt hat, dass es nun mal genug ist.

Gibt es das eigentlich nur bei Druckern? Oder vielleicht auch …. na zum Beispiel in unseren Beziehungen? Dein Partner ist abgelaufen. Nein, ihm fehlt nichts, aber seine Zeit ist eben vorbei, das kann ja nicht ewig halten. Reparatur lohnt nicht, aber hier haben wir gerade ein Sonderangebot, das Du nicht ablehnen kannst. Ich weiß nicht – ich glaube, ich bin zu alt für diese Scheiße!

18. November 2013