Trees from Trains.

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Wenn die Muse einen Künstler küsst, fühlt sich das nicht immer an wie ein Kuss. Manchmal eher wie eine Kopfnuss. Letzter Urlaubsabend. Harry ist unterwegs im Pendlerzug zurück zu seinem Quartier. Blauer Himmel, die Sonne schon im Westen, gleich geht sie unter. Harry hat einen Fensterplatz erdrängelt, um ihn herum müde Pendler, sitzend, stehend, die meisten schweigend. Harry hat die Kamera auf dem Schoß, auf der Fahrt will er noch ein paar Bilder machen, die Küste im Abendlicht. Aus dem fahrenden Zug zu knipsen ist nicht ideal, aber egal, es ist der letzte Abend, morgen um die Zeit wird er im Landeanflug auf zu Hause sein. Die Kopfnuss der Muse kriegt er ab, als er aus dem Fenster schaut. Die Scheibe ist völlig verkommen. Nicht nur verdreckt, offensichtlich von Wind und Salzwasser auch angegriffen und verwittert. Fotos, die man hier macht, sind völlig unbrauchbar. Man fotografiert nur für das kleine Papierkorbsymbol neben dem Bildschirm auf der Kamerarückseite.

Egal, denkt Harry, letzter Abend und digitale Fotos kosten nichts. Er will fotografieren. Harry betrachtet sich als Fotografen, und das hat er gelernt: Ein Fotograf fotografiert immer, auch wenn die Umstände nicht günstig sind. Für die Umstände sind andere zuständig, Gott, das Schicksal, das Universum, der Zufall, die Bahngesellschaft, wer auch immer. Sein Job ist jetzt, Fotos zu machen, später kann er sie alle in den digitalen Papierkorb verschieben.

Fotografieren. Er arbeitet nicht gern mit dem Sucher, lieber mit dem kleinen Bildschirm. Bild finden, fokussieren, abdrücken, am Bildschirm kontrollieren, und nochmal und nochmal. Im fahrenden Zug bleibt keine Zeit für Reflektion. Auch keine Zeit, um das perfekte Bild zu finden. Es ist mehr oder weniger Zufall, man arbeitet schnell und in dem Bewusstsein, dass man eigentlich nicht viel tun kann. Dieses Alles-Egal-Gefühl hat etwas sehr Befreiendes. Hier in diesem Zug kann Harry nichts falsch machen, es ist schon alles falsch, er kann nur auf den Auslöser drücken. Er merkt, wie viel Spaß ihm das macht. Es ist wie Liebe machen, wie Surfen oder so was, da hat die Reflektion auch keine Chance. Einfach nur Bilder, im Vorbeifahren geklickt.

Beim Blick auf den Bildschirm fällt ihm etwas auf. Die Bilder haben etwas. Schwer zu beschreiben, was das ist. Aber Harry verliebt sich ein bisschen in seine Bilder. Er sieht mehr in ihnen als nur einen Sonnenuntergang an der Küste. Das Verdorbene, das Unscharfe, die verwitterten Scheiben, das alles zusammen wirkt wie Kunst, zumindest in seinen Augen.

Ja, schießt es Harry durch den Kopf. Das ist Kunst. Ich mache gerade Kunst. Keine Urlaubsfotos, die jeder macht. Aufnahmen für ein Plakat, ein CD Cover. Oder so richtig für eine Galerie? Harry stellt sich seine Aufnahmen stark vergrößert an den Wänden der Galerie vor. Die Galerie liegt am Meer, Santa Monica zum Beispiel, Venice Beach. Harry war noch nie in Kalifornien, hat aber genaue Vorstellungen, wie es dort ist. Ein Premierenpublikum, eine aufgeregte Galeristin, Hollywood Stars sollen in gesichtet worden sein.

Die Vorstellung versetzt ihn in eine Art Rausch. Harry beginnt wie wild zu knipsen. Der Zug fährt, was er jetzt nicht auf den Chip kriegt, ist für immer verloren. Egal was die Kamera macht. Egal, was sie nicht kann. Kunst ist ja gerade das Unkontrollierte, das Unsichtbare zwischen den Pixeln. Klick, Blick auf den Bildschirm, Klick, Blick, Klick, Blick. Der Zug folgt schnell dem Gleis an Felsen und Stränden vorbei. Zwischen Villen und Casinos in den Badeorten hindurch, die wie auf einer Kette an der Küste aufgereiht sind. Silhouetten vor der untergehenden Sonne. Jede Zehntelsekunde ist entscheidend.

Harry bemerkt die Bäume auf seinen Fotos. Wie Urzeitriesen sehen die Palmen und Zypressen aus. Er will Bäume fotografieren. Unscharfe Bäume. Jetzt sieht er das Plakat für die Ausstellung in Venice Beach vor sich. “Trees from Trains”. Geniale Zeile. “Trees from Trains”. Darunter sein Name. Das Premierenpublikum drängelt sich wie eben die Pendler auf dem Bahnsteig. Die üblichen Fragen: Wie sind Sie gerade auf dieses Sujet gekommen? Was bedeutet es für Sie, Fotograf zu sein? Er wird sich noch Antworten überlegen müssen.

Die Sonne ist untergegangen, immer stärker spiegelt sich die Innenbeleuchtung der Zuges auf den Bildern, ein kalte Neonstange. Von Harry wird sie euphorisch begrüßt. Klar, das Unkontrollierbare erobert seine Bilder. Das muss so. Das ist bei großer Kunst immer so. Hinter die kalte Reflektion dringen. Die Power des Augenblicks.

Ältere Damen, ganz in Leder mit hochgesteckten Frisuren und gewagtem Lippenstift bewundern die riesigen Abzüge. Kunstkennerinnen eben. The Rich and the Beautiful. Mittendrin ein glücklicher Harry. Er. Harry. Fotograf. Anerkannter Fotograf. Die Vogue hat schon angerufen. Er steht da, völlig aufgelöst, ein echter Künstler. Er trinkt Champagner und plaudert mit zwei Frauen über die Inspiration und die Gabe, Kunst entstehen zu lassen.

Inzwischen ist es völlig dunkel, nichts ist zu sehen, nur das Innere des Zuges, die Neon-Leuchten. Fast alle Pendler sind ausgestiegen, als der Zug die Endstation erreicht. Es ist Herbst, kaum ist die Sonne weg, wird der Wind richtig kalt. Harry steht auf dem Bahnsteig, die Kamera immer noch in der Hand. Er fröstelt. Das Hochgefühl ist verschwunden, die Muse hat sich verabschiedet, nur die Daten auf der Speicherkarte sind noch da.

Jetzt muss er grinsen. Er war doch wirklich eine halbe Stunde lang ein weltberühmter Künstler. Kein schlechtes Urlaubserlebnis, ein geniales Gefühl. Das darf ihm gern noch einmal passieren, gern auch länger, und gern nicht nur in seiner Phantasie. Er steckt die Kamera weg und klappt den Kragen seiner Jacke hoch.

* * *

PS: Der Text ist zwar zum großen Teil fiktiv, er beruht aber auf einer Erfahrung. Die Bilder dazu habe ich im Zug von Lissabon nach Cascais gemacht. Hier kann man sie ansehen.

26. Oktober 2016

Android.

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Vor ein paar Tagen habe ich ein kurzes Seminar zu Android mitgemacht. Es gab einen freundlichen Seminarleiter im karierten Hemd und einige Damen und Herren ab 60, die Fragen hatten wie “Wie kann man nervige Apps löschen?”, “Braucht man ein Virenprogramm?” oder “Was ist der Unterschied zwischen Installieren und Aktualisieren?”

Außerdem sind da Mutter und Tochter. Mutter eine zierliche Dame um die 80, die wohl so gut wie gar nichts über Smartphones weiß. Tochter eine energische junge Frau, die entschieden hat, dass ihre Mutter diesen Kurs mitmachen muss. Sie ist als Begleitperson für ihre Mutter eingetragen und passt auf, dass Mutter nicht abhaut. Es gab da wohl einen Familienrat, der entschieden hat, dass die Familie ab jetzt über eine Whatsapp-Gruppe kommuniziert, wenn was ist. Mutter kann das nicht, also muss Mutter das eben lernen.

Es ist unendlich traurig, die beiden zu beobachten. Der Kursleiter bittet uns, den Playstore aufzurufen. Mutter sieht ihr Handy ängstlich an, Tochter faucht. Tochter zeigt, wo Mutter klicken soll. Mutter legt den Finger auf den Bildschirm und drückt mit Kraft. Mutter fragt, wozu man einen Playstore überhaupt braucht. Kursleiter antwortet einsilbig, da er seit fünf Minuten über nichts anderes geredet hat. Tochter zischt Mutter an, sie solle sich alles aufschreiben. Mutter ist den Tränen nahe, sie wolle doch nur telefonieren und ihr altes Handy sei so schön gewesen, das hätte Tasten für die Zahlen gehabt. Tochter meint, das alte Handy sei technisch überholt.

In der Pause, als Tochter vor dem Haus raucht, erzählt uns Mutter, sie habe von dem Seminar nichts gewusst, bis sie mit uns am Tisch saß. Sie sieht ihre Notizen an, „installieren“ steht da und „Playstore“ und „App“.

Es ist uns völlig klar, dass Mutter vielleicht nie lernt, wie man mit dem Smartphone umgeht. Sie will es ja gar nicht lernen. Sie hat große Angst vor dem Gerät, und offensichtlich versteht sie nicht, warum die Familie beschlossen hat, dass sie das jetzt lernen muss. Flüsternd stellt sie eine Frage an die Tochter. Tochter antwortet laut, sie solle die Frage an den Kursleiter stellen. Mutter fragt, was eine App ist. Wir starren auf unsere Bildschirme.

Ich denke an all die Frauen aus der Nachkriegsgeneration, die so stolz waren auf ihre Unselbständigkeit. Damals haben die Muttis es genossen, dass Vatis über die technischen Sachen Bescheid wusste. Bankkonto, Videorecorder, Ölheizung, Krankenkasse, Bundestagswahl, Vati macht das. Jetzt ist Vati nicht mehr da, und die Welt wird immer komplizierter. Statt des einen Telefons im Flur, für das die Post monatlich eine Rechnung schickte, gibt es jetzt jedes Jahr ein neues Ding, immer kleiner als das vorige und mit Kamera und Taschenlampe. Wozu braucht man eine Taschenlampe im Telefon? Wen kann man so was fragen? Am Telefon im Flur konnte man kaum was falsch machen, man nahm den Hörer ab, wartete auf das Tuten und wählte eine Nummer. Alles andere wusste Vati. Jetzt sind Telefone flache Dinger, die keine Tasten mehr haben und wenn man sie berührt, ist alles weg und man weiß nicht, was man gemacht hat und was man jetzt machen soll. Und der einzige Weg, Kontakt zu Kindern und Enkeln zu halten, geht über diese flachen Dinger.

Mutter schreibt das Wort “Home” in ihr Notizbuch. Klar, die Tochter verhält sich unmöglich, und ich habe große Lust, sie zur Rede zu stellen, weil sie ihre Mutter hier so vorführt. Aber irgendwie ist auch ihr eine Verzweiflung anzumerken. Sicher wurde sie nicht mit diesem herzlosen Fauchen geboren. Sie hat es gelernt. Ich sehe ein kleines Mädchen vor mir, über die Rechenaufgaben gebeugt. Das Mädchen verstand damals nicht, wozu man Cosinus können muss, und von Mutter kamen wohl nur einsilbige Kommandos als Antwort auf seine Fragen.

Ist das Verhalten der Tochter eine späte Rache? Nicht nur für die Schulzeit, auch für den absoluten Unwillen der Eltern, sich mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Ich war dabei, als eine andere Tochter einer anderen Mutter ein Tastentelefon zu Weihnachten schenkte. Damals hatte die Mutter darauf bestanden, dass so etwas Neumodisches ihr nicht ins Haus kommt. Die Tochter ist ziemlich gekränkt mit ihrem schönen Geschenk wieder abgezogen, am Heiligabend und mit einer Riesenwut im Bauch.

So. Damit das hier nicht völlig depressiv endet, will ich den Eltern von heute folgenden Rat geben: Wenn Ihr die Hausarbeiten Eures Nachwuchses kontrolliert, denkt daran, dass ihr irgendwann völlig von Euren Kindern abhängig sein könntet. Dann werden die Töchter und Söhne vielleicht so mit Euch reden, wie Ihr jetzt mit ihnen sprecht. Interessanter Gedanke, oder?

06. September 2016

Mit Facebook auf der Flucht.

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Facebook, ist das nicht dieses nervige Ding, wo alle Leute Katzenbilder posten und sich von der NSA überwachen lassen? Ja, aber Facebook kann viel mehr sein, zum Beispiel ein prima Werkzeug für Leute, die ihr Wissen teilen und sich gegenseitig unterstützen wollen. Man kann schnell über die meisten Grenzen hinweg miteinander kommunizieren, ganz einfach vom Smartphone aus. Dass so etwas manchmal lebenswichtig ist, habe ich als Laie von einem Syrer erfahren, der eine Facebook-Gruppe nutzte, um nach Europa zu fliehen. Er berichtete davon in holprigem Englisch, ich habe die Geschichte so aufgeschrieben, wie ich sie verstanden habe.

Wie flieht man mit Hilfe seines Smartphones nach Europa? Zuerst einmal braucht man echte Freunde, auf die man sich verlassen kann. Freunde aus dem richtigen Leben. Mit ihnen gründet der junge Mann aus Damaskus eine Facebook-Gruppe. Die Mitglieder der Gruppe wollen fliehen, manche sind schon auf der Flucht, andere bereits am Ziel. Sie berichten über ihre Erfahrungen und geben konkrete Tipps. Wieviel Geld braucht man, wieviel Essen kann man mitnehmen?

Die Flucht des jungen Mannes beginnt mit einer Schiffsreise in die Türkei. Dort angekommen gelingt es ihm, etwas Geld zu verdienen. Um jetzt nach Griechenland weiter zu reisen, muss er sich mit “Traffickers” einlassen, mit Schleppern, die letztendlich Kriminelle sind. Man kann keinem von ihnen wirklich trauen. Der junge Mann wählt sich einen Schlepper aus, mit dem Freunde von ihm bereits gute Erfahrungen gemacht haben. Das bringt keine absolute Sicherheit, aber es ist besser als nichts. Alle schreiben auf Facebook, mit wem sie nach Griechenland gereist sind, welche Erfahrungen sie gemacht haben und ob sie einen Trafficker weiterempfehlen. Ein Verfahren, das an die bekannten Bewertungsportale erinnert.

Die Überfahrt nach Griechenland in kleinen baufälligen Booten ist der gefährlichste Teil der Reise. Alles, was er über die Trafficker, den Treffpunkt, das Boot und so weiter in Erfahrung bringt, postet er in der Gruppe. So ist er nie ganz aus der Welt, auch während seiner gefährlichen Überfahrt bekommen die Familie und die Freunde Informationen darüber, wo er sich befindet. Im überfüllten Boot werden Videos gemacht und ins Netz gestellt. Ergreifend ist die Geschichte von einem Freund, dessen Boot in Seenot geraten ist. Er hat im sinkenden Boot per Handy die GPS Koordinaten ermittelt und sie in der Facebook-Gruppe gepostet. Seine Freunde, die bereits am Ziel waren, haben die türkische und die griechische Küstenwache von Deutschland aus angerufen und die Position des sinkenden Bootes durchgegeben.

Von Griechenland aus geht es weiter in Richtung Deutschland. Zur Orientierung nutzt er wie viele Flüchtlinge Google Maps. In jedem Land muss eine neue SIM Card gekauft werden. Ständiger Begleiter ist außer dem Smartphone eine Powerbank mit genug Power für sechs Akkuladungen. So kann er selbst im Wald ständig online sein. Mal geht es zu Fuß weiter, mal mit dem Bus oder mit dem Zug, eine kurze Strecke legt er im Flugzeug zurück. Jeder seiner Freunde berichtet der Facebook-Gruppe, wo er gerade ist und was er erlebt. Wenn ein Grenzübergang geschlossen wird oder die Polizei Leute verhaftet, erfährt die Facebook-Gruppe in Echtzeit davon, andere Flüchtende suchen sich sofort neue Wege.

Die Freunde, die bereits in Sicherheit sind, geben sich Mühe, rund um die Uhr online und in der Facebook-Gruppe zu sein. Schnelles Reagieren auf einen Hilferuf kann Leben retten. Durch das GPS auf dem Handy kann man schnell ermitteln, wo jemand ist. Manchmal werden Fotos geschickt aus einem Wald oder von einer Kreuzung. Erkennt jemand diese Kreuzung? Wie geht es von hier aus weiter? Mehr als 1000 solcher Facebook-Posts kommen in der Gruppe in Spitzenzeiten pro Tag zusammen. Vermerkt wird, wer einem unterwegs geholfen hat und um welches Dorf man besser einen Bogen macht. Die Flüchtlinge erfahren, dass Ungarn scharf darauf ist, Registrierungen und Fingerabdrücke zu bekommen, weil die EU für jeden registrierten Flüchtling Geld zahlt.

Von Wien aus fährt der junge Mann mit dem ICE nach Hamburg, um sich hier registrieren zu lassen – und um seine Freunde zu umarmen, wie er sagt. Jetzt ist er hier in Hamburg und hängt fast ununterbrochen am Smartphone. Denn viele seiner Freunde sind noch unterwegs, und er will dafür sorgen, dass alle heil und gesund ihr Ziel erreichen. Viel Glück!

23. Februar 2016

Ich war in Groningen.

Holland

Groningen liegt in Holland. Wenn man nach Groningen fahren will, wird einem das nicht gerade leicht gemacht. Man nimmt den Regionalzug nach Leer. Der Zug fährt entweder pünktlich ab und bleibt dann auf der Strecke stehen, oder er bleibt im Bahnhof stehen oder er kommt gar nicht. Es ist sehr spannend, weil man in Leer nur zehn Minuten Zeit zum Umsteigen hat. Ich will jetzt nicht über die Deutsche Bahn schreiben, obwohl ich das könnte. Lieber berichte ich über das, was danach kommt.

Der Bus, der ab Leer fährt, ist ein holländischer Bus. Das erste, was allen deutschen Fahrgästen auffällt, ist, dass die holländischen Fahrer unsere Fahrscheine nicht sehen wollen. Eine Fahrerin sagt, um Fahrscheine zu sehen, bräuchte sie eine Brille, und die liegt zu Hause. Wir Fahrgäste sind entsetzt. Kann man einer Busfahrerin sein Leben anvertrauen, die sich nicht für die Fahrscheinkontrolle interessiert? Zum Glück stellt sich die Frage nicht, die Tür geht zu, der Bus fährt los. An der Gegend um Leer fällt besonders der absolute Mangel an Gebirgen auf. Wahrscheinlich hat die Stadt daher ihren Namen, der ein bisschen nach einem mittellustigen Witz klingt. Es gibt auch keine Wälder und kaum Sträucher, aber Deiche. Und Windräder.

Die Grenze zu Holland ist nicht mehr da. Es gibt nur ein Schild “Niedersachsen wünscht alles Gute”. Das war’s dann aber auch schon. Groningen ist ein kleiner Ballungsraum mit vielen kleinen Firmengebäuden neben der Autobahn. Sie haben da auch viele Autobahnen und ein paar Gewässer, auf denen hübsche alte Segelboote liegen, die Sorte, die keinen Kiel hat und ganz breit ist, damit sie im flachen Wasser fahren kann.

Der Bahnhof von Groningen ist ein schönes altes Backsteingebäude, durch das viele Menschen rennen. Auch Holländer haben es eilig. Unter dem Bahnsteigdach steht ein Klavier. Jemand sitzt an dem Klavier und spielt was Hübsches. Das gibt der ganzen Situation etwas Slapstickhaftes, rennende Holländer mit Klavierbegleitung.

In Groningen sind Fahrräder genauso gefährlich wie Autos. Sie fahren genauso schnell und sind wie die Autofahrer gewillt, Dich zu überfahren, wenn Du nicht sofort aus dem Weg springst. Wenn man vom Bahnhof in die Stadt geht, kommt man am Museum vorbei. Im Museum wird David Bowie gezeigt. Es ist eine preisgekrönte Ausstellung, die jetzt noch beliebter geworden ist, weil David Bowie gestorben ist. Der Tod eines Popstars macht ihn bei den Massen so beliebt, dass ich als Popstar mir große Sorgen machen würde, wenn meine Plattenfirma Geld braucht. Die Ausstellung ist jeden Tag ausverkauft. Vor dem Museum steht ein Schild “David Bowie Is Sold Out”.

Nach dem Museum geht es durch eine enge Gasse in die Stadt. In der Gasse gibt es viele kleine Geschäfte mit Zeugs, das Touristen gerne kaufen, weil sie es nicht brauchen und zu Hause nie kaufen würden. Man kann aber nicht in Ruhe die Schaufenster ansehen, weil dauernd Fahrräder vorbei flitzen. In der engen Gasse sind viele Menschen, eine richtige Menschenmenge, die sich in Richtung Innenstadt bewegt, es ist wie bei einer Demonstration. Es könnte eine Demonstration von Touristen sein, die für ihr Recht eintreten, in fremden Städten sinnlose Dinge zu kaufen.

Als es kurz anfängt zu regnen, gehe ich in ein Lokal. Eine hübsche junge Holländerin kommt auf mich zu und fragt mich was. Ich denke, sie will wissen, was ich essen will, um dann zu enscheiden, ob ich in das Restaurant darf oder nicht. Sie sieht meine Verwirrung und merkt auf Englisch an, dass es oben auch noch freie Plätze gibt. Oben gibt es auch noch freie Plätze. Außerdem sind da viele entspannte Holländer. Manche haben Kinder dabei, die keinen Krach machen. Der Tourist aus Deutschland kann sich nur wundern. Überhaupt sind sie alle sehr freundlich zu mir, obwohl meinesgleichen in Horden durch die Stadt ziehen, um alles wegzukaufen und sich zu amüsieren. Auch das verwirrt mich.

Ich laufe durch die Stadt. Mal scheint die Sonne und es ist sehr windig, mal fallen ein paar Tropfen Regen und es ist sehr windig. Um die Stadt herum ist ein Wassergraben wie bei uns im Zoo um das Freigehege für Tiger. Nur liegen in dem Wassergraben hier eine Menge Hausboote. Was ich besonders liebe, ist, dass holländische Hausboote ganz spießige Haustüren haben. Die gleichen Haustüren wie Häuser, mit Briefschlitz und Klingel.

Dann tun mir wieder mal die Füße weh und ich setze mich in ein Schnellrestaurant und esse einen Joghurt. Es ist ein Schnellrestaurant mit einer Art Wintergarten, der ein Glasdach hat. Man sitzt in der Sonne. Ich sitze in einem holländischen Schnellrestaurant unter lauter Holländern und denke, Mensch, jetzt sitze ich in einem holländischen Schnellrestaurant unter lauter Holländern, und durch das Dach scheint die Sonne, ist das nicht toll? Als ich den Joghurt aufgegessen habe, kaufe ich noch Sachen, die ich zu Hause niemals kaufen würde, damit ich meine Touristenpflicht erledigt habe und beruhigt nach Hause fahren kann. Ich kaufe auch frischen Erdbeersaft mit Limone und denke, warum gibt es das bei uns nicht. Ich laufe ein bisschen durch die Stadt, weiche Fahrrädern aus und mache hübsche Fotos.

Schließlich gehe ich zum Bahnhof, lausche der Klaviermusik und trinke im Bahnhofsrestaurant einen sehr großen Kaffee. Das Bahnhofsrestaurant ist von Starbucks übernommen worden. Der kleinste Kaffee ist ein halber Liter. Die freundliche junge Frau hinter dem Tresen fragt mich, welche Größe. Ich rufe entsetzt aus, die kleinste. Ich will keinen Liter Kaffee haben. Sie grinst. Ich glaube, diese Einliterbecher bei Starbucks dienen dazu, dass die hübschen Damen hinter dem Tresen ihre Gäste damit erschrecken können. Ich sitze noch eine Weile im Starbucks und sehe den anderen beim Sitzen zu, dann gehe ich zur Haltestelle und auf die Minute pünktlich kommt der Bus. Er fährt erst durch den bunt beleuchteten kleinen Groninger Ballungsraum, dann durch die pechschwarze Nacht. Zum Schluss geht es durch Leer, wo alle Häuser dunkel sind und die Straßen völlig ausgestorben. Klar, es ist ja auch schon 19:30, da sind hier alle längst im Bett. Als ich auf dem Bahnsteig stehe, wird ein Zug angesagt, der nicht kommt, dann noch einer, der auch nicht kommt, dann kommt einer, der erstmal nicht weiterfährt, aber während er nicht fährt, kommt ein dicker Schaffner und kontrolliert meinen Fahrschein. Ich fühle mich sofort wieder wie zu Hause.

Groningen1

12. Februar 2016

Der Geier im Garten.

A – Ich habe einen Geier gesehen. Bei Ihnen im Garten. Gestern war das, kurz bevor es dunkel wurde, da stand ein Geier vor Ihrem Taxus.

B – Geier? So ein Quatsch, hier gibts keine Geier. Bei mir schon gar nicht. Die fressen doch Aas.

A – Ja, glauben Sie denn, ich weiß nicht, dass Geier Aas fressen? Deshalb habe ich mich auch so gewundert. Ich hab noch gedacht, ich mach da mal ein Selfie, der Geier und ich sozusagen, aber dann hatte ich kein Akku mehr. Und dann war’s dunkel.

B – Sie können mir ruhig glauben, ein Geier bei uns im Garten, das wäre uns aufgefallen. Britta kümmert sich doch so intensiv um den Garten. Für sie ist das wahre Leidenschaft, wie sie immer sagt. Die hätte garantiert einen fremden Vogel bemerkt. Ein Geier ist ja auch nicht gerade ein kleiner Vogel.

A – Ja, aber wenn ich ihn doch gesehen habe. Mit meinen eigenen Augen …

B – Einen Geier … Mann, sie haben vielleicht eine Phantasie. Außerdem, da wo sie den Geier gesehen haben wollen, da steht doch unser Reiher.

A – Geier, Reiher, wo ist denn da der Unterschied?

B – Das ist doch überhaupt nicht das Gleiche! Das beginnt ja schon bei der Ernährung. Der Reiher bevorzugt Fisch, während der Geier …

A – Nu machen Sie sich mal nicht so wichtig. Flügel haben sie ja wohl beide.

B – Da gibt es, wie ich schon sagte, große Unterschiede …

A – Ein Buchstabe, sage ich Ihnen, ein lumpiger Buchstabe. Geier, Reiher, also wo da der Unterschied …

B – Jedenfalls, der Reiher, der REIHER, der steht da immer. Von morgens bis abends. Der kümmert sich um die Karpfen.

A – Um die Karpfen? Bei Ihnen sind doch keine Karpfen im Vorgarten!

B – Vielleicht ja, vielleicht nein. Ich bin da nicht so sicher. Britta jedenfalls sagt, jemand hat die ganzen Stiefmütterchen angeknabbert. Und in der Zeitschrift, die sie abonniert hat, da stand, dass es dieses Jahr eine Karpfenplage gibt. Das hat sie mir vorgelesen. Also ich gehe davon aus, dass das dann stimmt.

A – Was issen das für eine Zeitschrift?

B – Die heißt “Fisch und Vorgarten”, glaube ich.

A – Eine Karpfenplage in ihrem Vorgarten? Das ist ja wohl der letzte Schwachsinn.

B – Nun seien so mal nicht so vorlaut, Herr Geierreiher? Oder soll ich Reihergeier zu Ihnen sagen?

A – Karpfen brauchen doch einen Teich. Sie brauchen einen Karpfenteich, wie der Name schon sagt.

B – Wenn meine Britta Karpfen bei uns im Vorgarten verscheuchen will, dann wird sie ihre Gründe haben. Mich geht der Garten ja nichts an. Ich hätte den asphaltiert, wenn Sie mich fragen, aber sie hat ja diese Leidenschaft. Und eines muss man ihr lassen, seit wir den Reiher haben, sind die Karpfen sehr zurückgegangen.

A – Wohin sind die gegangen?

B – Sie sind verschwunden, Mann!

A – Und warum ist der Geier…

B – Das ist ein Reiher!!! Wir sind doch nicht in Mexiko!

A – Warum ist der Reiher immer am gleichen Platz? Fliegt denn der nicht weg?

B – Der kann doch gar nicht fliegen.

A – Ach, Reiher können nicht fliegen? Ich habe schon mal einen Reiher fliegen gesehen.

B – Aber nicht unseren Reiher! Den haben Sie nicht fliegen gesehen?

A – Was macht Sie denn da so sicher?

B – Na, unser Reiher ist aus Plastik. Den haben wir aus dem Baumarkt. Aus der Karpfen-Bekämpfungs-Abteilung.

A – Karpfen-Bekämpfung? Das glaube ich Ihnen nicht.

B – Na ich denke, das hat mit diesen Krähen angefangen. Sie kennen doch diese Plastikkrähen, die man sich hinstellt, wenn die Tauben einem alles zukacken. Wahrscheinlich hat das so gut funktioniert, dass man jetzt gegen die Karpfen auf die gleiche Weise vorgeht.

A – Haben Sie denn schon je mal, haben Sie denn nur ein einziges Mal einen Karpfen in Ihrem Vorgarten Stiefmütterchen anknabbern gesehen?

B – Nein, zum Glück nicht! Aber gestern haben die Karpfen zum Gegenschlag ausgeholt.

A – Gegenschlag? Wie denn das?

B – Na, als wir heute morgen auf die Terrasse gekommen sind, da lag der Reiher da. Die Karpfen haben ihn einfach umgeworfen. Verdammte Fische aber auch!

Reiher Geier

03. November 2015

Lasst mich lügen.

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Mein Vater war ein Lügner und mein Großvater natürlich auch. Sie waren beide große Lügner, großartige Lügner. In der Kunst, die Wahrheit zu verschleiern, haben sie es zu einer wahren Meisterschaft gebracht. Ich kenne unsere Familiengeschichte nicht so genau, doch ich kann mir sehr gut vorstellen, dass bei uns seit Jahrhunderten in einem Ausmaß gelogen wurde, welches auch dicke Balken aus heimischem Hartholz dazu bringen würde, sich zu biegen wie gekochte Spaghetti. Wenn dann Lügen wirklich Balken biegen würden, was meiner Ansicht auch nicht so ganz wahr ist.

Wenn ich hier jetzt zugebe, dass ich die Geschichte unserer Familie nicht so genau kenne, dann liegt das natürlich in der Natur der Sache. Mein Vater hat mir die Chronik unseres Geschlechts mir immer wieder in allen Einzelheiten berichtet. Er wollte unbedingt, dass sein Sohn unbändigen Stolz verspürte, wenn er an die Taten seiner Vorfahren dachte. Doch jedes Mal, wenn mein Vater zu einer noch phantastischeren Version unserer Familiengeschichte ausholte, gab es neue Fakten, mehr heroische Taten und noch offensichtlichere Widersprüche, so dass jeder Idiot nicht anders konnte als zumindest zu ahnen, wie weit diese Erzählungen von der nackten Wahrheit entfernt waren. Und das eine Mal, dass mein Großvater sich über die lange Geschichte seiner und unserer Vorfahren ausließ, hatte seine Erzählung nichts, aber auch gar nichts mit den Hirngespinsten meines Vaters gemein.

Ich hoffe, es wird jetzt schon klar, dass mein Vater und mein Großvater nicht nur logen wie gedruckt, sie taten dies auch ohne jede Scham. Im Gegenteil, sie waren besessen vom Ehrgeiz, zu den besten Lügnern des Landes zu gehören, ja wenn irgend möglich alle anderen Vertreter dieser Zunft weit hinter sich zu lassen und die Goldmedaille der Unwahrheit zu erstreiten.

Inzwischen lebe ich schon viele Jahre im Land des deutschen Waldes und weiß, wie gering hierzulande die Kunst der Lüge geschätzt wird. Es ist deshalb für Sie, liebe Leser und Zuhörer, wichtig zu verstehen, wie langweilig und unkreativ die hier gepflegte Wahrheitsliebe eigentlich ist. Bei uns zu Hause sagte man immer, die Wahrheit spricht nur einer, der zu dumm ist, sich eine gute Lüge auszudenken. Das Wahre ist wie eine schmutzige Hauswand. Was für ein trauriges Leben ist das, wenn man sein Leben lang auf eine schmutzige Wand starren muss. Wie viel mehr Spaß macht es, eine solche Wand ein bisschen zu verzieren. Und wahrhaft glücklich ist ein Meister, der eine graue Wand nur dazu benutzt, ein buntes Gemälde darauf zu schaffen, einen Strand unter Palmen etwa, der jeden Betrachter in Entzücken zu versetzen vermag.

Ja, die Lüge hat in meiner Heimat ein hohes Ansehen. Es gehört viel Einfallsreichtum, Mut und Entschlossenheit dazu, gut zu lügen. Es ist eine Aufgabe für die wirklich Berufenen. Deshalb suchen die meisten meiner Landsleute Rat bei professionellen Lügnern, wenn sie eine besonders gute Lüge brauchen, zur Konfirmation etwa, zur Hochzeit oder zu anderen besonderen Gelegenheiten. Deshalb ist der Beruf des Flunkerers bei uns eine Profession mit hohem Ansehen, vergleichbar vielleicht mit einem Arzt oder einem Astronomen. Mein Vater hatte es immerhin zum Oberhoflügner bei unserer Majestät gebracht, er schrieb alle Reden und Verlautbarungen, die bei Hofe gebraucht wurden. Unsere Familie besaß ein großes Haus am Markt der Hauptstadt, wir hatten alles, was wir begehrten. Mein Vater hatte uns zu einer wohlhabenen Familie emporgelogen. Ja, mit der Fähigkeit, die Wahrheit durch etwas Besseres zu ersetzen, kann man es weit bringen.

So wird es hier auch niemanden erstaunen, dass auch ich die Laufbahn der kreativen Unwahrheit einschlagen wollte, kaum dass ich wusste, was eine Lüge überhaupt war. Ich ging also in die Lügenschule und später studierte ich die Kunst der Falsifikation und stand dicht vor meinem Abschluss, als die Katastrophe geschah.

Es gibt nur eines, was der Lügner fürchten muss, und das ist die Wahrheit. Ich sagte schon, dass mein Vater keinen Wettbewerb ausließ, um der unangefochten beste Lügner unseres Heimatlandes zu werden. Bei den Münchhausen-Tagen in der Hauptstadt meines Heimatlandes ging er mit einer sehr kreativen und phantasievollen Lüge über die Zeugungsrituale bestimmter Frösche ins Rennen. Dabei passierte ihm etwas, das keinem guten Lügner je passieren darf. Schon gar nicht einem Lügner, der sich in einem Wettbewerb befindet. Denn was mein Vater über die Paarung dieser Frösche behauptete, war leider, so phantasievoll es auch klang, die nackte Wahrheit. Kaum stellte die Jury das fest, wurde er aus dem Wettbewerb geworfen und seine Majestät verlangte den Kopf des Übeltäters auf einem silbernen Tablett. Wir schafften es gerade noch in der Nacht über die Grenze.

Drei Tage lang irrten wir am ungarischen Grenzzaun entlang, bevor wir den Weg in Richtung Österreich und schließlich hierher fanden. Mein Vater starb ein paar Tage später an gebrochenem Herzen. Ich habe keine Zeit zu trauern. Ich kämpfe um mein Leben, denn wenn ich in mein Heimatland abgeschoben werde, droht mir das Schlimmste. Sie werden mich mit einem Wahrheitsserum töten, befürchte ich. Also hoffe ich, dass hier in Deutschland die Lügenpresse schnell genug begreift, wie nützlich ein Lügner für sie sein kann, der aus einem alten Geschlecht von Lügnern stammt und bestens ausgebildet ist. Bitte, habt ein Herz, lasst mich für Euch lügen.

03. November 2015

Liebe ist doch so einfach.

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Was ist Liebe? Wie funktioniert das? Woran kann ich erkennen, dass mein Partner mich liebt? Und kann ich das irgendwie quantifizieren, als ob er/mich von Herzen liebt, mit Schmerzen, ein bisschen, gar nicht? Früher war das ein beliebtes Thema für Sonette und diverse Ratgeber-Bücher. Psychologen wollten sogar eine gewisse Unfähigkeit zu lieben bei vielen Mitmenschen beobachtet haben. Alles Quatsch, Liebe geht ganz einfach. Diese Woche besonders. Man muss bloß die Zettelchen seines örtlichen Supermarkts studieren, die ganzen Valentinstags-Angebote. Und weil ich Euch alle liebhabe, liebe Leser(innen), habe ich das mal für Euch getan.

Der Valentinstag ist der beste Beweis dafür, dass Frauen wohl doch käuflich sind. Nur eben nicht mit Bargeld, sondern mit frisch erstandenen Liebesbeweisen. Die sind am besten herzförmig und rosa. Süße Herzen aus Schaumzucker, herzförmige Pralinen, Teebeutel mit Herzen drauf, oder Love-Nudeln sind zu empfehlen. Süßigkeiten gehen immer: Herzkirschen, Marzipanherzen, Liebestorte, Liebeseiscreme, Schokoherzen, Trüffelherzen, Eisherzen, Liebes-Donut lassen die Angebetete pfubdiger werden. Für Kreative: Lebkuchenherzen zum selbst dekorieren, herzförmige Muffinförmchen und Herzbilderrahmen mit “Love” über dem Bild. Plüschtiere sind sehr gute Liebesbeweise, zur Wahl stehen unter andrem eine Kuh(!?), eine Robbe, diverse Bären und Mäuse, Marienkäfer mit Aufschrift “Drück mich”, Stoffbär mit Aufschrift “Küss mich”, ein Liebesigel mit externem Herz, oder einfach ein Plüschherz, die Alternative für Veganer (kein Tier muss leiden).

Oder nimm einfach eine Orchidee, die macht was her, kostet nur 5 Euro inklusive buntem Topf, der nach dem Tod der Pflanze weiterverwendet werden kann. Wer seinen Schatz noch mehr lieb hat als üblich, greift zum Armbanduhr-Schmuckset, bestehend aus Armbanduhr mit passendem Armband ohne Uhr, zusammen nur 10 Euro. Supi ist auch die rosa Kuscheldecke, allerdings rechteckig, ebenfalls für einen Zehner. Partnerbettwäsche ist wohl ein Extra-Trend, erhältlich mit küssenden Mäusen, mit Engelchen und Teufelchen und knutschenden Bären. Schöne Stunden zu zweit werden schöner mit herzförmigen Windlichtern, Herzhängern (?) oder einem Relaxkissen.

Aber was schenkt Sie ihm? Rosa Bierdosen mit Herzchenmuster gibt’s nirgends. Ich denke mal, weil Männer nicht so einfach käuflich sind.

07. Februar 2015

Zebra

Zebra quer

Letzten Mittwoch habe ich beschlossen, im Elektronikmarkt meines Vertrauens ein Gerät zu erstehen, das mein Leben endlich zum Positiven wendet. Aber welche Marke, welche Ausstattung und überhaupt? Ich habe mich vom Experten beraten lassen.

Gemeinsam haben wir verschiedene Websites aufgerufen, technische Daten verglichen, mehr oder weniger wohlwollende Userprosa gelesen und Mikrofonbuchsen in den Abbildungen gesucht. Schließlich haben wir ein Gerät gefunden, das viele Extras und so gut wie keine Nachteile hat.

Ich habe mir die Typenbezeichnung notiert, und war schon auf dem Weg zur Tür, da rief mir der Experte hinterher: “Mit dem haste aber kein Zebra!” Reflexhaft antwortete ich: “Ich brauch’ kein Zebra!”

War das jetzt voreilig oder nicht? Brauche ich wirklich kein Zebra? Meine spontane Äußerung hat sicher viel mit meiner familiären Prägung zu tun. Ich stamme aus einer bürgerlichen Familie im großstädtischen Umfeld. Meine Eltern hatten nie ein Zebra, meine Großeltern väterlicherseits auch nicht. Meine Großeltern mütterlicherseits haben im Krieg alles verloren, ob auch ein Zebra zu diesem “alles” gehörte, weiß ich nicht. Die Frage zu stellen ist inzwischen unmöglich, sie weilen nicht mehr unter uns, sondern unter der Erde. Ich vermute aber, sie hatten auch kein Zebra, sie hätten es sonst sicher erwähnt. Beim Begräbnis von Onkel Erich zum Beispiel hätten sie geseufzt: “Wir haben ja auch alles in Posen zurücklassen müssen, das Haus, die Bettwäsche, das Grundstück, die Fabrik, das gute Service aus Meißen, das Tafelsilber und vor allem das Zebra. Unsere Kleine hat so an dem Tier gehangen.”

Was meine verschiedenen Urgroßeltern angeht, von denen weiß ich nicht viel. Als anständige Bauern und Handwerker hatten sie wohl ihr ganzes Leben fleißig gearbeitet, außer Sonntags, da waren sie in der Kirche. Ich vermute, für die Anschaffung eines Zebras hatten sie weder die Zeit noch die Mittel, erst recht nicht die Phantasie. Die Geschichtsforschung geht ja auch davon aus, dass Zebras im 19. Jahrhundert in der Mitte Europas eher die Ausnahme waren.

So ist es leicht einzusehen, dass ich glaubte, kein Zebra zu brauchen. Inzwischen, ein paar Tage später, bin ich mir da nicht so sicher. Ein paar unbestreitbare Vorteile dieses Streifentiers liegen auf der Hand. Ich könnte mich von meinen Nachbarn abheben. Im Haus sind Hunde sehr beliebt, die Frau unten links hat einen Vogel, der aufgeregt im Käfig herum springt, wenn Besuch kommt. Ein Zebra wäre da eine Abwechslung.

Außerdem: Mit einem Zebra bist Du der King der ganzen Straße, das eignet sich dafür besser als eine Bulldogge, von denen es hier einige gibt. Kinder fragen Dich, ob sie das Zebra mal streicheln dürfen. Wenn Dir mal eine Frau entgegen kommt, die auch ein Zebra an der Leine hat, ergibt sich sich ein Kennenlernen wie von selbst. Im Bus sorgst Du dafür, dass die Kinderwagen mit den jaulenden Monstern draußen bleiben, weil das Tier den ganzen Platz einnimmt.

Sehr gut funktionieren die gestreiften Biester bei Blinddates: “Machen Sie sich keine Sorgen, Gnädigste, sie erkennen mich ganz einfach. Ich habe mein Zebra dabei.” Mit einem solchen Accessoire ist man beliebt und wird oft auf Partys eingeladen. Dort geht einem nie der Gesprächsstoff aus. Es kann allerdings auf die Dauer ein bisschen eintönig sein, immer die Frage zu beantworten, wie es sich anfühlt, ein Zebra zu besitzen.

Ja, inzwischen tut es mir ein bisschen Leid, dass ich mich gegen das Zebra entschieden habe. Aber warum sie es manchen Geräten beilegen und manchen nicht, habe ich noch nicht so ganz begriffen.

06. Oktober 2014

Endlich ein Rezept in diesem Blog.

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Kürzlich habe ich bei einer Veranstaltung, bei der die meisten Gäste Bier tranken, eine Flasche Möhrensaft gewonnen. Nicht irgendeinen Möhrensaft wohlgemerkt, der von mir gewonnene ist ein hundertprozentiger Direktsaft aus samenfesten Sorten. Das Bild, das beim Lesen dieser Information in meinem Kopf entstand, war schwer genug wieder aus dem Kopf heraus zu bekommen.

Außerdem zeichnet sich der Saft durch  höchste Qualität aus, genauer gesagt durch eine bio-dynamische Qualität, komplett mit Bindestrich und allem. Die wichtigste, wenn auch eher weniger überraschende Information ist: Der Saft wurde aus Möhren gewonnen, was bei einem Möhrensaft sicher nicht selbstverständlich ist. Genauer: Er ist aus feldfrischen Möhren. Hier denke ich sehnsuchtsvoll daran, dass früher alles besser war, da waren frische Lebensmittel einfach nur frisch. Heute sind sie feldfrisch, gartenfrisch, ofenfrisch, küchenfrisch, knastfrisch, friedhofsfrisch oder fabrikfrisch, je nachdem, wo sie herkommen. Na egal, jedenfalls habe ich mich bedankt und den Gewinn in den Kühlschrank gestellt.

Heute ist der Zeitpunkt gekommen, den Inhalt zu probieren. Was soll ich sagen, für einen Menschen, der vor allem Produkte aus dem Hause Coca Cola zu sich nimmt, ist der Geschmack gewöhnungsbedürftig. Leider ist es auch ein Geschmack, an den ich mich gar nicht erst gewöhnen will. Ich beschließe, den Saft mit etwas anderem zu mischen, um ihn aufzuheitern.

Der erste Versuch, ein Cocktail aus Möhrensaft, Heidelbeersirup und Mineralwasser, kann meine verwöhnten Geschmacksknospen nicht hinter dem Ofen hervorlocken.

Der zweite Versuch dagegen hat mich sofort begeistert. Hier das Rezept:

In 300 ml Möhrensaft aus feldfrischen Möhren verrühren wir drei Esslöffel Grillsenf mit Currygeschmack. Kühl servieren und sofort auf Ex trinken. Ein pikanter Genuss, den Sie Ihren Nachbarn bei der nächsten Grillparty auf keinen Fall vorenthalten sollten.

19. Juni 2014

Glücklich auf der Cuxhavener Straße.

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Vor ein paar Tagen hatte ich einen Glücksmoment, an den ich mich jetzt noch gern erinnere. Ein sonniger Sonntag-Vormittag, ich radelte gemächlich die Cuxhavener Straße in Harburg entlang. Es war ziemlich still, man konnte die Vögel zwitschern hören. Hier sollte ich kurz allen Ortsfremden erklären, dass die Cuxhavener Straße eine breite Ausfallstraße mit Autobahnzubringer, Schwerlastverkehr und Dauerstau ist, auf der man oft sein eigenes Wort nicht versteht. Anders an diesem Sonntag, da standen sogar Leute auf ihren Balkons und winkten mir fröhlich zu.

Vor mir, neben mir, hinter mir und mit mir waren einige tausend Radfahrer auf dieser Straße unterwegs. Unser gemütliches Radeln nennt sich „Sternfahrt“ und ist eine Art Pedal-Demonstration für eine fahrradfreundliche Verkehrpolitik. Das war es aber nicht, was mir die Glücksgefühle verschaffte.

Ich genoss die Stille und die Freundlichkeit, mit der sich unser riesiger Schwarm von Fahrrädern aller Art durch den Harburger Morgen bewegte. Das wäre doch was, wenn überall in Hamburg auf drei Fahrspuren Pedaltreter unterwegs wären und am Rand gäbe es noch eine enge Spur, die „Autoweg“ oder „Autoschutzzone“ genannt wird.

Wenn man zu so vielen auf der breiten Straße unterwegs ist, fühlt man sich ziemlich besonders. Es ist eine Umkehr der Macht. Diese typische Demo-Erfahrung „wir sind viele“, und dazu kommt das Gefühl, das man als Kind hatte, wenn man irgendwo war, wo man als Kind eigentlich nicht hindurfte, zum Beispiel ins Lehrerzimmer.

Radfahrer werden in der Verkehrsplanung lieblos behandelt. Für sie gibt es keine Großbauten, keine Autobahnkilometer. Stattdessen Radwege, die manchmal im Nichts enden – und die Schilder „Radfahrer absteigen“.! Man kommt sich oft unwichtig vor. Erst bei der Sternfahrt habe ich gemerkt, was für eine Wut ich oft im Bauch habe, wenn ich mit dem Rad in der Stadt unterwegs bin.

Ich will jetzt nicht über Verkehrspolitik, Autowahn und so weiter schreiben, das machen andere viel besser. Ich will meine Leser nur ermuntern, mitzufahren, wenn es wieder eine solche Gelegenheit gibt. Was den Traum von den großen Straßen für Radler angeht: Seit dem Fall der Berliner Mauer halte ich ja nur sehr wenig für völlig unmöglich.

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18. Juni 2014